“Ich bin relativ allergisch, was das Bemühen des Staates betrifft, über mich zu bestimmen.”

14. November 2009 § 1 - von Martin J.G. Böcker

Erik Lehnert im Gespräch » Den ganzen Beitrag lesen.«

“Ich will eine Spur ziehen. Mit aller Kraft und gegen jeden Widerstand. “

31. Oktober 2009 § 5 - von Martin J.G. Böcker

Götz Kubitschek im Gespräch

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Baal Müller: Der Vorsprung der Besiegten

31. Mai 2009 § 1 - von Karsten Junk

Das Thema, dessen sich Baal Müller annimmt, scheint angesichts der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts auf der Hand zu liegen. „Der Vorsprung der Besiegten. Identität nach der Niederlage” beschäftigt mit dem Umgang der Deutschen mit den Niederlagen 1918/1945 und einer möglichen Perspektive für eine heutige Identitätsbildung.

Müllers Grundannahme besteht darin, dass es zu einer gefestigten, gesunden Identität gehöre, dass sie auf den positiven Aspekten der eigenen Vergangenheit gründe und sich selbst bejahe. Die negativen Aspekte der eigenen Geschichte leisten nach Müller ebenfalls ihren Beitrag zur Identität, allerdings nicht als solche, sondern durch den Prozess der Sinngebung und die in diesem aufgerufenen Kräfte. So kann, – wie Müller mit Reinhard Kosseleck festhält – im Besiegtsein „ein unausschöpfbares Potential des Erkenntnisgewinns” liegen. An dieser Stelle muss allerdings der Rezensent den Hinweis anbringen, dass der Prozess der Sinngebung stets die Erinnerung auch an die negativen Aspekte der eigenen Geschichte selbst voraussetzt und eine gesunde Identität diesen eigenen Schatten schlichtweg auch als solchen verkraften muss, ohne dass dies bedeuten darf, dass die Identität sich mit dem Schatten verwechselt.

Müller beschreibt zwei charakteristischen Formen des Umgangs mit Niederlagen, die er auch im Umgang der Deutschen mit den beiden Kriegsniederlagen in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts gegeben sieht.

Die Deutung der Niederlage von 1918 sieht Müller durch das Empfinden eigener Schuldlosigkeit bestimmt, die sich auf die militärische Situation am Endes Krieges („im Felde unbesiegt”) und die offensichtlichen Ungerechtigkeiten des Versailler Vertrages und die „Dolchstoß”-Argumentation stützt. Diese Deutung der Niederlage als schuldoses Leiden sieht er im christlichen Kontext generell im Kreuz Jesu vorgezeichnet. Sie führte dazu, dass nach der Niederlage von 1918 keineswegs das eigene Wesens aufgeben worden sei, sondern dass in der spezifisch deutschen Suche nach dem dritten Weg in der Moderne das Eigene als bewahrenswert erscheinen konnte.

Anders nach 1945. Nach der totalen Niederlage und völligen physischen Zerstörung habe nur die Lehre gezogen werden können, dass Deutschland seine eigene Identität weitgehend zu verwerfen habe. Zudem hätten die tatsächlichen Verbrechen des Nationalsozialismus in Einheit mit der völligen Niederlage eine Deutung eigener Unschuld schwerlich zugelassen. Das „Niederlagendenken” nach 1945 erkläre daher die Niederlage mit der eigenen moralischen Schuld, was Müller in der jüdischen Deutung des babylonischen Exils vorgezeichnet sieht, die für ihn die zweite Möglichkeit des Umgangs mit Niederlagen darstellt. Die sich daraus ergebende Dauerrepräsentation eigener Schuld sieht Müller in „einem pathologischen Selbsthaß” und der „Bekämpfung oder Leugnung von nationaler Identität überhaupt”. Müller bietet hier außerdem einen interessanten Exkurs zur fraglichen oder tatsächlichen Singularität der Verbrechen des Nationalsozialismus und sein Verhältnis von Feindschaft und Nähe zu Stalins Kommunismus.

Nach der Zersplitterung und Fragmentierung der deutschen Vergangenheit und deutscher Traditionen stellt sich für Müller nun die Frage des Umgangs mit den Fragmenten und Überbleibseln unserer Kultur. Sein Fingerzeig besteht darin, sie zu bewahren, auf dass „wenn der Tag reif ist” (was er nach Müllers Einschätzung heute nicht ist) eine neue Ordnung der Werte entsteht, die sich das Überlieferte schöpferisch aneignet. Dem entspricht die Haltung des „geistigen Exils”, das Müller in Anlehnung an Georges „Geheimes Deutschland” beschreibt, in dem der „innerste wesenhafte Kern der Nation selbst geborgen” ist und überwintert. Insbesondere regt Müller an, das „Geheime Deutschland” in der deutschen Poesie („von Hölderlin über George und Wolfskehl bis Rolf Schilling”) und in Orten und Landschaften (wie der Aachener Kaisergruft, dem Kyffhäuser, dem Teutoburger Wald etc) zu suchen, um so aus der Selbstbesinnung der Verlierer einen ästhetischen Weg zu uns selbst zu finden, „einen schmalen Pfad, der in finstere, von Gold und Edelsteinen funkelnde Höhlen führt und vor der Tür zu jener großen Halle endet, in der die ‚Kaiser und Helden’ an ihren Tafeln sitzen.”

Müllers Buch ist anregend zu lesen und atmet einen guten Geist dadurch, dass es die unbestreitbaren Niederlagen mit ihren ebenso unbestreitbaren katastrophalen Folgen für Deutschland in den Blick nimmt und ihnen jedenfalls implizit das Potenzial zuspricht, für die Zukunft auch eine positive Kraft zu entwickeln, wenn sie in eine Selbstbejahung deutscher Identität eingebunden und in gewisser Weise auch überwunden werden. Sein Verweis auf einen ästhetischen Weg zu uns selbst, regt eine oft vernachlässigte Flankierung der intellektuellen und politischen Auseinandersetzung um diesen Weg an. Sie ist, auch wenn man Müllers Beispiele gerne um (weitere) spezifisch (christlich-)abendländische Verdichtungspunkte deutscher Identität erweitern würde, ein wertvoller Hinweis auf eine Herangehensweise, die den Menschen in seiner vor-intellektuellen Tiefe anspricht.

“Widerstand, Lage – Traum – Tat” von Frank Lisson

3. April 2009 § 1 - von Martin J.G. Böcker

Frank Lissons „Widerstand“ ist ein zorniges Buch
Es ist nicht wütend. Es ist zornig. Denn das sei die „aktive und stolze Variante der Wut“ (38). Sein Werk ist alles andere als ein Sachbuch, aber es vermag, die deutsche Lage darzustellen und eine bittere Anklage gegen das Establishment zu führen. » Den ganzen Beitrag lesen.«

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