Dieter Stein im Gespräch
Mitte der Achtziger brachte Dieter Stein die erste Ausgabe der Jungen Freiheit heraus. Heute, mehr als 20 Jahre später, kann der 42-Jährige auf eine turbulente Entwicklung seiner Zeitung zurück blicken. Vom “Organ” einer rechten Jugendorganisation bis zu einer bundesweiten Wochenzeitung, die polarisiert. Die einen werfen ihr eine “Scharnierfunktion” zwischen bürgerlichem und rechtsextremem Lager vor, die anderen halten sie schlichtweg für bürgerlich-konservativ.
Das Gespräch hat ihn selbst gefragt. Ein Interview über Gegenwind, Erkenntnisse und linke Autoren. Und ein bisschen über Andi Popp.
Sehr geehrter Herr Stein, eigentlich wollte ich Sie nur über Ihren Werdegang mit der Jungen Freiheit befragen. Doch aus aktuellem Anlass: Sind Sie über diesen Rummel wegen des Popp-Interviews erschrocken oder belustigt?
Es ist nicht das erste Mal, dass ein Interview der Jungen Freiheit Aufsehen erregt. Es gab lange Debatten, nachdem die SPD-Vordenker Egon Bahr und Peter Glotz in der JF Interviews veröffentlicht hatten oder nach dem Gespräch mit Charlotte Knobloch, damals Vizepräsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland. Die Erregung nach manchem Interview zeigen das vorherrschende Unvermögen, die Unsouveränität unserer Gesellschaft kontroverse Diskussionen auszuhalten und zuzulassen, an der tatsächlich Exponenten von links bis rechts beteiligt sind. Doch der „Diskurs” soll anscheinend immer nur unter Linken und Liberalen stattfinden. Eine etwas ungewöhnliche Auffassung von Demokratie, wie ich finde.
Bedauern Sie Herrn Popp für den „Ärger”, den er jetzt am Hals hat?
Wir haben mit ihm ein Interview geführt, wie wir es mit jedem Interviewpartner führen. Andreas Popp wurde das Interview schriftlich zur Autorisierung vorgelegt. Er hat nur wenige Passagen geändert und das Interview dann zur Veröffentlichung freigegeben. Popp hatte im Verlaufe des Interview-Prozesses zwischen dem 28. August und dem 3. September insgesamt zwölf Mal per E-Mail Kontakt mit unserem Redakteur Moritz Schwarz. Mehr kann man wirklich nicht machen.
Möchten Sie den „Skandalisierern” vielleicht ein bis zwei Sätze mit auf den Weg geben?
Ich finde es auffällig, dass sich besonders jene Kritiker der Piratenpartei hervortun, deren Parteien durch diese Protestpartei am 27. September Stimmen verlieren könnten, nämlich SPD und Grüne. Die Kritik ist also zu einem erheblichen Teil davon geleitet, die Piratenpartei öffentlich zu beschädigen. Ansonsten sind vielleicht manche immer noch überrascht, daß Konservative ebenfalls für sich beanspruchen, in aller Selbstverständlichkeit kritischen Journalismus machen zu wollen und dies nicht linken Medien allein überlassen wollen. Und dazu gehört es auch, mit Menschen jeder Couleur Interviews zu führen, ohne sich mit ihnen gemein zu machen.
Nun geben Sie seit über 20 Jahren die Wochenzeitung Junge Freiheit heraus. Mit welcher Motivation haben Sie damals an der ersten Ausgabe gearbeitet?
Ich war 1986 noch Schüler, als ich die erste Ausgabe der JF herausbrachte. Die Junge Freiheit war ja zunächst als Organ der Jugendorganisation „Freiheitliche Jugend” einer konservativen Splitterpartei (Freiheitliche Volkspartei, eine Abspaltung der Republikaner) gedacht, daher übrigens auch der Name. Generell war mein Motiv: Einsatz für das Ziel der Wiedervereinigung, Nationale Frage, konservative Werte. Ich wollte Gleichgesinnte gewinnen.
Ab wann war Ihnen klar, dass die JF mehr als ein Organ der Jugendorganisation sein soll?
Es war eine organische Entwicklung: 1988 machte ich Abitur, Bundeswehrzeit, 1989 begann ich zu studieren, das Blatt entwickelte sich schrittweise. Ich war ja der einzige Schüler, die anderen Autoren waren Studenten oder sogar schon berufstätig. Die Zielgruppe waren Anfangs Schüler und Studenten.
Und was unterscheidet Sie vom Schüler Dieter Stein?
Mensch, 23 Jahre! Das ist doch eine verdammt lange Zeit, in der man an Erfahrungen und Einsichten gewinnt.
Welche war denn Ihre wichtigste Einsicht?
Wie schwer es ist, Pressefreiheit im Ernstfall durchzusetzen. Und daß man trotz permanenter Anfeindungen selbst nicht verhärten darf und die Rolle irgendwann sogar zu spielen beginnt, die einem negativ zugewiesen wird.
Was hat dieser Gegenwind, die Diffamierungen, der Verfassungsschutzbericht des Landes NRW in Ihnen ausgelöst?
Die zehn Jahre, in denen ich mich gegen die Diskriminierung der JF durch den Verfassungsschutz zur Wehr setzte, hat mich sehr geprägt. Es ist ja nicht ohne: Auf der einen Seite eine Einzelperson, eine kleine Redaktion, auf der anderen Seite ein 17-Millionen-Einwohner-Land, dessen Innenministerium Sie ins Visier nimmt. Sie fühlen sich wie eine Ameise, die von einem Elefanten zerquetscht wird. Nur mit Zähigkeit und langem Atem gelang es uns, diesen übermächtigen Gegner in einem Prozeß über drei Instanzen in die Knie zu zwingen. Es ist Durchhaltewillen notwendig, wenn man auf lange Distanz etwas verändern will.
Wie oft war Ihnen in dieser Zeit danach, die Brocken einfach hinzuschmeißen?
Es gab schon öfter Momente, in dem dieser Gedanke im Raum stand. Als es 1994 zu einer existentiellen Auseinandersetzung um die Mehrheit in der GmbH kam, bei der es auch um die politische Ausrichtung der JF ging; als die Druckerei der JF im Dezember 1994 Ziel eines Brandanschlags von Linksextremisten wurde; die folgenden Anschläge auf die Redaktion, Autoren, als mein Auto vor der Redaktion nachts ausbrannte im Frühjahr 1995. Letztlich waren das flüchtige Momente. Die Anfechtungen, die Anfeindungen haben bei mir zu um so mehr Ehrgeiz geführt, zu zeigen, daß es möglich ist, ein solches publizistisches Projekt auch gegen enorme Widerstände durchzusetzen.
Welchen Weg wäre der angepasste Dieter Stein gegangen?
Ich hätte mein Studium in Politik und Geschichte in Freiburg nicht nur bis zur Zwischenprüfung, sondern auch zum Magister fertig geführt, ich hätte vielleicht ein Volontariat bei der linksliberalen Badischen Zeitung gemacht und mich so durchgemogelt, vielleicht wäre ich heute bei den Donaldisten im FAZ-Feuilleton! Ich wäre 1984 nicht aus der Jungen Union aus Enttäuschung über die ausgebliebene konservative Wende ausgetreten, sondern hätte dort weitergemacht. Vielleicht wäre ich heute CDU-Stadtrat in Freiburg oder Landtagsabgeordneter mit Dienstwagen und würde dort mit Grünen „moderne Großstadtpolitik” machen. Naja, vielleicht so ähnlich …
Stattdessen sind Sie zur zentralen Figur einer konservativen Wochenzeitung geworden.. Wer ist beziehungsweise war da noch?
Ein hochmotiviertes, engagiertes Team von inzwischen 25 Männern und Frauen in Redaktion und Verlag, die dafür sorgen, daß Woche für Woche diese Zeitung erscheinen kann und die Leser gut betreut sind. Es sind alte, idealistische Kempen dabei: seit 1995 Thorsten Thaler , Moritz Schwarz seit 2000, die wichtige Eckpfeiler in der Redaktion sind und mit ihrem Charakter und Temperament für diese Zeitung stehen. Das Geheimnis der JF sind aber vor allem ihre Leser: Aktuell haben wir 15.000 Abonnenten, 5.000 davon unterstützen aber die JF über das Abo hinaus als Förderer und spenden jährlich rund 350.000 Euro für den Ausbau der Zeitung, über 300 Leser sind sogar als Kommanditisten am Verlag beteiligt. Ohne diese solidarische und engagierte Leserschaft, die sich für ihre Zeitung leidenschaftliche einsetzen, hätte die JF nie überlebt.
Sind Sie mittlerweile nicht so weit, dass Sie auf diese Spenden verzichten könnten? Mit welcher Motivation spenden Ihre Förderer Geld an eine wirtschaftlich funktionierende Zeitung?
Die Junge Freiheit konnte nur wachsen, weil Förderer und Kommanditisten über die Jahre kontinuierlich Geld bereitgestellt haben, um Vertriebsmaßnahmen und den Ausbau zu unterstützen. Allen Beteiligten ist klar, daß es nicht Ziel sein kann, sich in einer Art konservativem Reservat einzurichten, auf einem Niveau zu verharren und dann „über die Runden” zu kommen. Wirtschaftliche Tragfähigkeit ist kein Selbstzweck. Die JF: Das ist Offensive. Derzeit werbe ich bei den Förderern um die finanzielle Unterstützung für unsere Große Abokampagne 2009. Bis Jahresende wollen wir die Zahl von 17.000 Abonnenten erreicht haben. Wir müssen dazu noch 2.000 neue Abonnements werben.
Das ist ein sehr ehrgeiziger Plan. Wohin geht die Reise dann? Wann werden Sie eine Tageszeitung?
Tageszeitung ist die JF ja schon: Und zwar im Internet! Wir liefern täglich rund fünf bis sechs aktuelle Meldungen sowie durchschnittlich zwei neue Blogbeiträge, für die 14 bekannte JF-Autoren schreiben. Die JF wird Wochenzeitung bleiben. Nach aktuellen Untersuchungen zur Entwicklung der Presse schreibt man den Wochenzeitungen größere Überlebenschancen zu als den Tageszeitungen, die vom Internet unter stärkeren Konkurrenzdruck gesetzt werden. Unser Ziel ist es, die JF konsequent auf Wachstumskurs zu halten. Bis Ende 2011 wollen wir bei 23.000 zahlenden Abonnenten sein, mittelfristig wollen wir den „Rheinischen Merkur” als Nummer zwei hinter der „Zeit” unter den meinungsbildenden überregionalen Wochenzeitungen ablösen.
Halten Sie die JF mittlerweile für einen anerkannten Teil der deutschen Medienlandschaft?
Die Anerkennung und der Respekt sind gestiegen. Wir sind aber selbstverständlich immer noch politische Außenseiter. An eine gleichberechtigte Vertretung in Diskussionsrunden, bei Fernsehgesprächen – davon sind wir noch weit entfernt. Es geht nicht um die JF, es geht um das Ende der Diskriminierung und Ausgrenzung einer konservativen Position, einer demokratischen Rechten als selbstverständlichem Teil des politischen Spektrums in einer Demokratie.
Wenn Sie von der demokratischen Rechten sprechen, komme ich auf den Begriff der „Neuen Rechten” und den Streit um diesen Begriff. Betrachten Sie sich überhaupt in einem Spektrum mit Sezession, IfS, Blaue Narzisse und so weiter?
Ich habe an anderer Stelle schon ausgeführt, daß ich die „Neue Rechte” für ein Phantom und es für verfehlt halte, diesen Begriff positiv besetzen. Nach meinem Eindruck ist der Begriff erfreulicherweise auch wieder weitgehend in der Versenkung verschwunden. Mir ist immer noch nicht klar, welcher Erkenntnis- und Profilierungsgewinn mit diesem Begriff verbunden sein soll. Es gibt ansonsten eine Reihe von Autoren, die in der Sezession wie auch in der JF schreiben – dem steht die Kontroverse um den Begriff nicht entgegen. Es gibt nur wenige intellektuelle Zeitschriften, die man dem konservativen Spektrum noch zuordnen kann und diese zählen sicherlich dazu.
Karlheinz Weißmann fordert im Konservativen Minimum ein „Wir” und ein „die Anderen”. Bezieht die JF dazu eine Gegenposition, indem Sie sich zur „bürgerlichen Mitte” hin öffnen?
Indem man einen politischen Standort bezieht, macht man immer kenntlich, daß es andere gibt, die einen anderen bezogen haben und das sind dann wohl oder übel „die anderen”. Wenn es eine Linke geben soll, dann muß es auch eine Mitte und eine Rechte geben. Voilà: Dann sind wir wohl rechts. Aber: Ich sage oft genug, daß ich diese eindimensionale Kategorisierung, die wir obendrein der Französischen Revolution zu verdanken haben, für nicht aussagefähig genug halte. Es gibt auch Schattierungen und Grautöne zwischen Links und Rechts. Der Begriff des „Konservativen” ist mir schon immer am sympathischsten gewesen. Er ist vor allem – von uns abgesehen – verwaist! Die CDU besetzt ihn nicht mehr, der Springer-Vorstand errötet, wenn man ihn daran erinnert, daß die „Welt” einst ein konservatives Intelligenzblatt war … also halten wir nun diesen Brückenkopf. Bürgerliche Mitte? Wir haben uns schon vor 15 Jahren auch linken Autoren geöffnet.
Nur irgendwie merkt das niemand. Mir – als sporadischen Leser der JF – kommt das neu vor. Bei der Linken sind Sie doch eher verhasst?
Sicher hat das nicht dominiert. Schon in der ersten Wochenzeitungsredaktion 1994/95 war mit Andrzej Madela, gebürtiger Pole und Autor linker DDR-Oppositionszeitschriften, ein Redakteur, der nicht „von rechts” kam. Er drückte dem Forum – unter anderem mit der Postmoderne-Debatte – seinen Stempel auf. Andrzej Madela schuf auch den Kontakt zum Bürgerrechtler und Bündnisgrünen Wolfgang Templin, der 1994 mehrfach in der JF schrieb. Übrigens wurde während der innerredaktionellen Auseinandersetzung, an deren Ende bekanntlich Andreas Molau als Kulturredakteur die JF verlassen mußte von einigen verbohrten „Rechten” auch gegen Madela als „unzuverlässigen Linken” Front gemacht.
Auf der anderen Seite wurde jeder Linke mit einer Kampagne in der Öffentlichkeit überzogen, der sich in der JF äußerte. Auch das beschränkte den Kreis derer, die sich dann tatsächlich in der JF äußerte. Dann meist nur in Form von Interviews. Von mir aus hätte das Autorenspektrum immer breiter sein können, wenn die Politische Korrektheit der Öffentlichen Meinung das nicht verhindert hätte. Mir war immer daran gelegen, denn Gegensatz Links-Rechts zu durchbrechen. Ich hatte auch immer besondere Sympathien für Linksnationale. Deshalb führte ich 1993 ein Interview mit dem PDS-Fraktionsvorsitzenden von Mecklenburg-Vorpommern, Johann Scheringer, einen Sohn des legendären Nationalkommunisten Richard Scheringer. Es gab damals einen Riesenaufschrei in der PDS … Wolfgang Venohr, von dem wir die Lebenserinnerungen verlegten, sah sich auch zeitlebens als Linksnationalen.
Für mich war die Nation eigentlich immer wichtiger als die meisten übrigens weltanschaulichen Fragen. Ich hoffe, daß die Auflockerung der Fronten einmal gelingt.
Achten Sie heutzutage mehr auf Ihre Außenwirkung, als beispielsweise bis 1995?
Die JF wurde damals von Mittzwanzigern, mehrheitlich Noch-Studenten gemacht. Heute sind viele Familienväter, man sichtet erste graue Haare in den Schläfen. Vernunft und Gelassenheit sind in dieser Zeit sicherlich gewachsen.
Wo steht die „Neue Rechte” in zehn Jahren?
Was ist die „Neue Rechte”?
Nun ja… das „Spektrum” von JF über Sezession bis hin zur BN und die „Szene”, die sich in diesem Umfeld entwickelt. Wie würde Sie es sonst bezeichnen (wir hatten das Thema zwar schon… aber braucht das Kind nicht einen Namen)?
Ich kann nur für die JF sprechen und ich sehe die Legitimität, von einer Sammlung und Regeneration eines konservativen, freiheitlichen Spektrums zu sprechen. Ich kann ja die gelegentliche Sehnsucht nach ideologischer Nestwärme und elitärer Geste verstehen, die ein solcher Begriff zu versprechen scheint. Vielleicht sollte man aber lieber auf dem Teppich bleiben und zur Kenntnis nehmen, daß unsere Autorenschaft doch mit erheblicher Heterogenität gesegnet ist und denen man mit einem solchen engstirnigen Begriff unnötig Gewalt antun würde.
Sehr geehrter Herr Stein, vielen Dank für das Gespräch.















ich will eine deutlich härtere JF , Dauerfeuer gegen die Zecken ; Angriffe gegen EKD und GEZ , die Roten dürfen nie wieder zur Ruhe kommen , die stasi Zuträger müssen weg , die spd darf nie wieder regieren !