Ernst Jünger: Der Waldgang

15. Juli 2009 § 2 - von Felix Springer

Was tun, wenn man sich einer Macht gegenüber sieht, deren Kraft und Reichweite schon die Vorstellung von Widerstand unmöglich werden lässt? Wenn die einzige Freiheit in der Wahl zwischen absoluter Konformität und dem eigenen Untergang zu bestehen scheint?

In „Der Waldgang” stellt der ältere Jünger-Bruder seinen Gestalten des „Arbeiters” und des „unbekannten Soldaten” die Gestalt des „Waldgängers” an die Seite. Er erläutert das Wesen des Waldgängers anhand des Gegensatzes zweier Bilder: das Schiff als das zeitliche Sein, die von Maschinen erzeugte, automatisierte Bewegung. Der Einzelne ist Passagier auf diesem Fahrzeug und hat Anteil am Komfort des Sonnendecks. Doch wenn das Wetter umschlägt wird der Mangel an Freiheit sichtbar, „sei es im Sieg elementarer Kräfte, sei es dadurch, daß Einzelne, die stark geblieben sind, absolute Kommandogewalt ausüben.” Aus dem Automatismus des Schiffes, der so vieles leichter macht, erwächst die Furcht, die zu den Symptomen unserer Zeit gehört.

Der Wald dagegen ist das überzeitliche Sein. Er ist der Ort der Freiheit und mehr als die bloße Opposition oder Flucht. Hier gewinnt der Einzelne Sicherheit und das Zeitliche erscheint ihm nicht mehr drohend, sondern mutet sinnvoll an. Denn der Waldgänger  löst sich vom Zeitlichen nicht, sondern er tauscht die Furcht gegen die Freiheit, leistet Widerstand wo kein Widerstand möglich war, kämpft in Schlachten, die andere schon für entschieden und beendet hielten, liegt als einsamer Granit am Sandstrand: „Der Wahrspruch des Waldgängers heißt: >Jetzt und Hier< – er ist der Mann der freien und unabhängigen Aktion.” Der Waldgänger als Typus stellt eine kleine Elite dar, die sich auf eine elementare, substantielle Freiheit besinnt und dadurch in die Lage gerät, auch unmittelbarer Machteinwirkung standhalten zu können.

Mit Ernst Jünger schreibt hier einer, der weiß, dass nicht Krise, Krieg und Gewalt, sondern Frieden, Ruhe und Harmonie die Anomalien des menschlichen Geschehens sind. Gleichzeitig aber auch einer, der weiß, dass die großen Schicksale durch tiefere Kräfte als die der Physis entschieden werden.

Dieses Buch widmet sich der Frage, wo der Einzelne im Ganzen zu stehen hat. Es ist geschrieben in dem Bewusstsein, trotz wenig jüngerscher Chiffre und sehr klarer Sprache nur von wenigen von innen heraus verstanden zu werden. Dünne Bücher reizen wohl oft dazu, nur überflogen zu werden aber gerade dieses hier will Satz für Satz gelesen sein.

„Der Waldgang” ist Pflichtlektüre für jeden, der erkennt, dass das Schiff nicht die ganze Welt ist, der merkt, dass der Seegang rauer wird und die Urkräfte der Elemente sich anschicken, die Maschinisten und Kapitäne auf eine harte Probe zu stellen. Pflichtlektüre für jeden, der Mut und Kraft genug hat, allein auf hoher See auszusteigen um den Willen zur Behauptung aus eigener Kraft zu beweisen. Denn nichts anderes ist der Waldgang.

Wer diesem Wagnis nicht gewachsen ist, der braucht dieses Buch nicht lesen, sondern der bleibe an Bord.

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