Zum 25. Todestag des französischen Philosophen
Der Begriff des Diskurses kreist in erster Näherung, die sich beispielsweise aus dem Duden Universalwörterbuch ergibt, um die Facetten von „methodisch aufgebauter Abhandlung“, „lebhafter Erörterung“ und „tatsächlich realisierter, sprachlicher Äußerung“[1]. Hillmanns bekanntes Wörterbuch der Soziologie ergänzt mit Blick auf J. Habermas den Akzent der „Struktur vernünftiger Rede“[2] und führt den Diskursbegriff im Kontext der Sozialwissenschaften konzeptionell weiter. Bereits dieser nahezu gänzlich linguistische Zugriff auf das Wort des Diskurses verweist, nicht zuletzt wegen der enormen Interpretationsoffenheit (schärfer: Beliebigkeit), auf den zentralen Stellenwert dieses Begriffs in den modernen Geistes- und Sozialwissenschaften.
Wenn hier allerdings nach dem Diskursbegriff eines Philosophen, namentlich den des Michel Foucault gefragt wird, dann geht es nicht mehr um eine allgemeine, in irgendeiner Form noch verbindliche und festsetzbare Auffassung, sondern um eine abgrenzbare Perspektive. Dabei muss zunächst herausgestellt werden, dass die oben angerissenen sprachwissenschaftlich-deskriptiven Ansätze hinter das normative Verständnis Foucaults zurückfallen. Foucault fixiert sein Diskursverständnis, das er mit den Substantiven der Unruhe und einer gewissen Gefährlichkeit geradezu mystisch auflädt, an der Produktion des Diskurses, die „kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert“[3] wird, um die „Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.“[4] Ließt man die zitierte Stelle im gesamten Kontext der Inauguralvorlesung („Die Ordnung des Diskurses“) wie zudem der Biographie Foucaults, wird man kaum fehlgehen, das Interesse Foucaults weniger an inhaltlicher Bestimmung als vielmehr an den Unterwerfungsmechanismen festzumachen, denen er im Verlauf auch der angeführten Vorlesung nachspürt.
Aus diesem Begriffsverständnis heraus, entwickelt Foucault seine folgenschwere und auf ihn zurückgehende Diskursanalyse. Grundsätzlich entsagt Foucault hierbei der cartesischen Philsophie. Die inhaltsschwere Sentenz des Rene Descartes: „Cogito ergo sum“, mittels derer Descartes die Philosophie, das Denken an sich auf einen unverrückbaren archimedischen Punkt festschreiben wollte und somit allen Zweifel zu beheben glaubte[5], überzeugte Foucault nicht, der in seinem Werk über die „Ordnung der Dinge“ von einem in Zwängen stehenden Individuum ausgeht[6]. Philosophisch korrespondieren mit den gesellschaftlichen Zwängen auch jene Zwänge, unter denen die Diskurse stehen und die Foucault im Rahmen seiner Antrittsvorlesung näher zu identifizieren versucht: als Ausschließungssysteme, Interne Prozeduren sowie Verknappung sprechender Subjekte. Der dabei vorherrschende Grundgedanke ist folglich die konsequente Umkehrung des Rückschlusses vom Autor auf den Diskurs: viel eher ließe sich aus der Analyse der Diskurse ein Verständnis der gesellschaftlichen Zwänge gewinnen, denen die sprechenden Subjekte unterworfen sind. [7]
In dieser Perspektive wird die Wirklichkeitskonstitution durch Diskurse schnell ersichtlich, die letztlich Grundvoraussetzung einer Analyse der (sozialen) Wirklichkeit anhand der in ihr stattfindenden Diskurse ist. Dies ließe sich mit dem Beispiel der Ehe einigermaßen gut veranschaulichen. In der akademischen Begriffsbildung der Soziologie kann eine gesellschaftsdominierende Idee – hier: die der Ehe – als Institution beschrieben werden. Der über die Ehevorstellung dominierende Sprachgebrauch, mithin der dominierende Diskurs wird dadurch selber zur gesellschaftlichen Institution. Da er aber über Ausschließungen, wie Tabuisierungen anderer Formen der Lebenspartnerschaften, die Möglichkeiten einer generell offenen Gesellschaft verknappt, wird die gesellschaftliche Wirklichkeit erst produziert[8].
Solche Prozesse, die als innere Regeln oder praktische Prozeduren in realen Diskursen auftreten können, stehen so im Fokus der Diskursanalyse. Die Einschränkung der prinzipiellen (?) Offenheit von Diskursen ermöglicht die Deutung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in erschreckend klarer Weise. Foucault selber hat auch aus dieser Erkenntnis heraus seine Forschung in Gefängnissen und psychotherapeutischen Heilanstalten durchgeführt, da die dort lebenden Individuen unter besonders „interessanten“, mithin aufschlussreichen Zwängen stehen.
Ungeachtet der modernen Emanzipation aus sozialen Zwängen bleibt diese Methodologie auch heute noch, gut 25 Jahre nach dem Tod des berühmten Franzosen am 25. Juni 1984, aktuell – und lohnt einer Weiterführung etwa im Hinblick auf Schweigespiralen, die als politische Korrektheit die politischen Diskurse Tabuisierungen und Denkverboten unterwerfen.
[1] Duden: Deutsches Universalwörterbuch, Mannheim 62007.
[2] Hillmann, Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 52007.
[3] Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Mit einem Essay von Ralf Konersmann, Frankfurt/Main 102007; S.10f..
[4] Ebd..
[5] Erhellend dazu: Ruß, Hans Günther: Wissenschaftstheorie, Erkenntnistheorie und die Suche nach Wahrheit. Eine Einführung, Stuttgart 2004, S. 25ff..
[6] Zur grundlegenden Tendenz der Philosophie Foucaults vgl.: Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Frankfurt/Main 42003, S. 694f..
[7] Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Mit einem Essay von Ralf Konersmann, a.a.O..
[8] Über die Methode der Diskursanalyse informieren disziplinübergreifend: Keller, Reiner, Viehöver, Willy: Diskursanalyse, in: Nohlen, Dieter et. al.: Lexikon der Politikwissenschaft. Band 1 (A-M), München 32005

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