Julius Evola – Kulturphilosoph, Mystiker und Traditionalist. Künstler, Dandy, Faschist; antichristlich, antibürgerlich, antimodern. Der Verfasser von Werken wie „Heidnischer Imperialismus” (Imperialismo pagano, 1928), „Revolte gegen die moderne Welt” (Rivolta contra il mondo moderno, 1934) und „Menschen inmitten von Ruinen” (Gli uomini e le rovine, 1953) ist in dieser fiktiven Geschichte ein zerschmetterter Held:
Von Alter und Krankheit geplagt hat er seit Jahren seine verdunkelte Wohnung nicht mehr verlassen, er beschäftigt sich mit Weltekel und dem täglich subtil geführten, aussichtslosen Kampf gegen seine bösartige doch leider unentbehrliche Haushälterin, die kein anderes Ziel zu kennen scheint als ihn vollends innerlich zu zersetzen bevor sein ohnehin schwacher Körper aufhört, Blut durch die Gefäße zu stoßen.
Um sich seine gegenwärtige Situation erklärbar zu machen, begibt er sich in geistige Projektionen, „Bilder”, seiner Vergangenheit und der Leser erfährt zusammen mit dem alten Baron eine kurze Reise durch dessen Geistesgeschichte: Man begegnet dem Künstler Evola, der DADA überwindet indem er es vollendet, begegnet dem Frauenhelden Evola, dem zwar nicht die Herzen, wohl aber die Körper zufliegen und begegnet dem Okkultisten Evola, der unter der Ewigen Stadt mit der „Gruppe von Ur” mithräischen Riten folgt. Hinter allem steht der behinderte Greis Evola, der, seit er 1945 bei einem sowjetischen Luftangriff in einem Wiener Archiv schwer verletzt wurde, querschnittsgelähmt an den Rollstuhl gefesselt ist und in dessen Wahrnehmung sich Realität und Erinnerung zu überschneiden beginnen. Man wird Zeuge von Gesprächen und Erlebnissen mit einer Gruppe von Evolas Studenten, die ihn in Gestus und Erscheinungsbild nachahmen und ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, mit einem traumatisierten, verzweifelten Federico Fellini, der Carl Gustav Jung zitiert: „Die Frau ist dort, wo im Mann die Finsternis beginnt.”, mit der „Satanspriesterin” Maria Naglowska, die ihn in tantrischen Rausch versetzt, mit dem deutschen Diplomaten Graf Dürckheim, dessen gütige Gelassenheit ihn beeindruckt und schließlich mit dem „Duce” Benito Mussolini persönlich, der hier nicht als machtvoller Diktator, sondern zunächst als ein durch unterschiedliche Zwänge gebundener Politiker auftritt.
Dem Autor Oliver Ritter gelingt in diesem sehr lesbaren Büchlein (knapp 130 Seiten) die verdichtete Darstellung des Menschen Evola. Die Erzählung hat nicht den Anspruch, ein exaktes Psychogramm des Genies zu zeichnen, würde diesem Anspruch auch nicht genügen können, gibt aber trotzdem eine brauchbare Einführung in das Denken und Fühlen (eine Trennung hierzwischen wäre wohl im Falle Evolas nur bedingt sinnvoll) dieses späten Römers. Obwohl der gesamte „Tagesablauf” aus der Perspektive des extravaganten Greises geschildert wird, verzichtet Ritter auf das Schildern komplexer Gedankengänge, was der Lesbarkeit erheblich zugute kommt. Statt dessen belässt er es bei kurzen Kommentaren Evolas und seiner Gesprächspartner, verdichtet, deutet an, zeigt Verbindungen und Bezüge auf. Daher wirkt die Lektüre als ein echter Appetitmacher, sowohl literarisch als auch intellektuell.
„Ein Tag im Leben des Julius Evola” eignet sich gut als Vor-Einstieg in die Evola-Lektüre oder, für bereits Eingelesene, zum besseren Kennenlernen der Person Evola und sichert zusätzlich noch mehrere Stunden echtes Lesevergnügen.

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