Tobias Wimbauer im Gespräch

12. Juni 2009 § 13 - von Martin J.G. Böcker

Das Leben eines Antiquars: Eine Frau, sieben Katzen, zwölf bis 14 Stunden Arbeit am Tag und 75.000 Bücher

Tobias Wimbauer berichtet von Routinearbeiten und vergeudeter Zeit. Er stellt seine Bücherhöhle vor, spricht über seine “Rechtskurve” und erklärt, was er heute über die Thematik denkt. Er gewährt dem “Gespräch” einen Einblick in seine Lebenswelt, die in Deutschland wohl schwerlich zu vergleichen wäre.

Das Gespräch: Als Antiquar arbeitest du zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das kann mithin recht stumpf sein. Kommentierende Zaungäste betrachten das als unwürdige, quälende Routinearbeiten. Was gibt dir die Gewissheit, dass du deine Lebenszeit mit Tagen voll von Arbeit nicht wegwirfst?

Tobias Wimbauer: Diese Frage stellt sich mir gar nicht. Es ist viel Arbeit, gewiss, aber es kann doch nicht vergeudete Zeit sein, wenn man jeden Tag Bücher unters Volk bringt, oder? Vieles ist Routine, viel auch ermüdend, aber man kann beim Katalogisieren Musik hören, man kann beim Bücherverpacken Filme anschauen oder Reportagen, und nebenher twittern. Ohne diese Nebenhers wäre es zum Gagawerden, ganz recht.

Vielleicht sollten wir überlegen, was mit Lebenszeit gemeint ist, mit sinnvoller oder vertaner Lebenszeit. Mit Anfang Zwanzig habe ich jeden Tag hunderte Seiten gelesen, das war wohl sinnvolle Lebenszeit, aber ich wusste oft nicht, wie ich die Miete bezahlen soll oder den nächsten Einkauf, das war unangenehm. Heute komme ich kaum noch zum Lesen, dafür sind gewisse Sorgen erledigt.

Ich wollte aber auf gar keinen Fall noch einmal Anfang 20 sein mit all den Irrungen und Wirrungen und Kompensationsradikalitäten, also dem Ungleichgewicht von Wollen und Sein.

Es ist nicht so, dass du Bücher nur verwaltest und verkaufst. Du schreibst selbst. Was bewegt dich dazu, was möchtest du den Menschen mitteilen?

Das ist ein altes Missverständnis. Ich schmunzle immer sehr über Schulklausurfragen, in denen nach der Autorenintention gefragt wird und danach, was der Autor seinen Lesern wohl mitteilen wolle. Ich kann nur von mir sprechen: Wenn ich schreibe, dann ist damit weder eine pädagogische noch eine sonstige Absicht verbunden, die auf den Leser zielt. Es ist natürlich jede Story und jedes Gedicht Ausdruck einer Absicht, die darauf zielt, etwas Bestimmtes in einer adäquaten Form auszudrücken und zu formulieren. Durch Wort und Wortklang eine Stimmung zu transportieren, die im Satz- und Wortsinn für mich enthalten ist, und die ich ausdrücken möchte.

Und wenn ich in meinen Texten versuche, mich mit Wirklichkeitsindikatoren an etwas anzunähern und heranzutasten, wenn ich Ausdrucksformen der Gelassenheit suche, dann will ich das vielleicht auch dem Leser mitteilen. Das weiss ich aber gar nicht. Ich habe jedenfalls keinen konkreten Leser vor Augen, gleichwohl man bei mancher Formulierung an den ein oder andern bestimmten Leser denkt.

Die ein oder andere E-Mail schließt du mit „Grüßen aus der Bücherhöhle” ab. Das klingt nach Rückzug, Sicherheit und Abspaltung. Ist das Leben als durcharbeitender Antiquar ein Rückzug in die Bücherwelt? Oder aus der anderen Welt?

Ja, durchaus. Die schmunzelnde Bezeichnung des Waldhofs Tiefendorf als Bücherhöhle hat gewiss etwas mit Rückzug in die Sicherheit der Bücher zu tun [um einen Schmittsatz zu variieren]. Erstmal ist es aber eine wahrnehmende Beschreibung: wenn Du hier durch die Wohnung gehst und durch die angeschlossenen Lagerräume, so findest Du nur in Bad und Schlafzimmer keine Bücherregale. Im Schlafzimmer gibt es nur die Lesestapel auf den Nachttischchen. Manche Räume sind nur in einmeterbreiten Gängen zwischen den Regalen zu durchqueren, überall sind also Bücher. Ein Haus mit 75.000 Büchern drin, das ist schon eine Bücherhöhle. Natürlich spielt die Formulierung auch mit dem Höhlengleichnis Platons, das ja auf die Frage abzielt, die mich in meinem Schreiben stets bewegt: Was ist Wirklichkeit?

Es soll Alles in Allem eine Art der Behaglichkeit ausdrücken. Auch mein Blog heisst „Notizen aus der Bücherhöhle”

Aus welchen Anlässen verlässt du die „Bücherhöhle”?

Bücherjagen, Einkaufen, ab und an ein Konzert, aber das sind nur ganz wenige Künstler und Bands, zu denen wir fahren. Und einmal im Jahr geht’s zum Jüngersymposion nach Oberschwaben. Aber sonst? Sonst sind wir hier bei Rosen, Katzen und Büchern. Wir fahren beide nicht gern anderswohin: da gibt’s dann keine Katzen im Bett, wir haben keinen Einfluss auf die Lebensmittelqualität, und die Arbeit türmt sich derweil daheim. Das ist alles nicht verlockend. Innerer Urlaub ist eine Stunde im Garten zwischen unseren englischen Rosen, innerer Urlaub ist ein Spaziergang hier durch Wald und Flur. Wir haben es so schön hier.

Gäbe es für dich eine Alternative zum Leben als Antiquar und Buchautor?

Ja natürlich. Steinreicher Leser und Sammler wäre eine mir angenehme Alternative. Aber realistisch? Die beliebte Waswennlottogewinnfrage könnte ich jedenfalls so beantworten: ich würde auch dann mein Antiquariat weiterführen, wenn es nicht lebensnotwendig wäre für Mietezahlen und Kühlschrankfüllen. Allerdings würde ich bestimmte Arbeitsbereiche leichten Herzens delegieren…

Vor zehn Jahren warst du auch „politischpublizistisch” aktiv. Warum warst du das? Warum bist du es heute nicht mehr?

Direkt politisch waren meine Artikel eigentlich – von 2-3 Ausnahmen abgesehen – nicht. Aber der Publikationsort konnte politisch aufgefasst werden. Ich habe mich mit Anfang bis Mitte Zwanzig kräftig in der sogenannten Neuen Rechten bewegt, das kann ja jeder bei Wikipedia nachlesen oder in meiner Bibliographie auf meiner Homepage. 2003 bin ich als Vorstand beim IfS ausgeschieden und seit Mai 2004 habe ich nichts mehr in der „Jungen Freiheit” etc. veröffentlicht, was danach kam, war in der FAZ oder in literaturkritik.de. Es wäre albern, wenn ich leugnete, dass ich eine Rechtskurve hingelegt habe damals, aber es wäre ebenso albern, das heute noch richtig zu finden. Mit Anfang zwanzig ist die Mischung aus Grössenwahn, Samenstau und grandios überzogenem Konto ein politischer Beschleuniger, und mit Anfang Zwanzig ist wohl jeder irgendwie radikal, oder nicht? Mit Familie und eigener Firma werden andere Dinge wichtig, auch änderte sich meine Bewertung der Dinge und als ich mich intensiver mit der Situation in anderen Ländern beschäftigte, etwa mit China, da wurde ich ungemein dankbar dafür, in einem Land wie der Bundesrepublik leben zu können. Es gibt Länder, in denen Menschen ihr Leben dafür gelassen haben, eine Wahlstimme auch nur abgeben zu können, oder ihre Meinung sagen oder ihren Glauben praktizieren zu können. Dies eingedenk, stellt sich die larmoyante Selbstumkreisung vieler Neurechten als Luxusproblemchen dar. Ich habe einzelne Wenige kennengelernt, denen ich abnehme, dass sie das ernstlich bewegt.

Bei mir setzte eine allmähliche Entfremdung und zunehmende Irritation ein, dazu die Beschäftigung mit der Lage in anderen Ländern und es erledigte sich ganz viel vermeintlich Richtiges von ganz alleine. Beginnt man dann seine vermeintlichen Gewissheiten zu überdenken, wird eins nach dem andern von Tag zu Tag absurder.

Ich habe mich dann mehr und mehr mit der individuellen Verantwortung im eigenen Handeln, in Konsum und Kaufverhalten beschäftigt. Die Dinge, die mich heute bewegen, haben vor allem mit Nachhaltigkeit zu tun, und mit Meinungsfreiheit. Nachhaltigkeit meint mehr als das simple Wort: wie Sachen produziert werden und unter welchen Umständen. Es ist eine Frage nach dem Respekt vor den Dingen, mit denen wir zu tun haben, mit denen wir umgehen. Oft ist das gar nicht leicht: versuch’ mal einen Toaster und einen Eierkocher zu kaufen, der nicht in China hergestellt wurde, das bedarf einiger Recherche… Bei den Lebensmitteln ist es einfacher: wir kaufen ausschliesslich in Biomärkten, konventionelle Lebensmittel gibt es seit langem überhaupt nicht mehr bei uns. Es geht übrigens nicht nur darum, die bestmögliche Qualität für uns selbst zu haben, sondern auch darum, die Folgen der Herstellung des von uns Konsumierten zu bedenken. Als Bild ausgedrückt: wie gross ist die Schneise, die wir schlagen, wenn wir durchs Leben gehen, und kann sie wieder zuwachsen oder nicht.

Lustig ist übrigens die Erfahrung, dass die einen schimpfen, weil man mal ein Rechter war, und die andern schimpfen, weil man keiner mehr ist. Vielleicht ist das ganz gut als Filter.

Du magst Autoren wie Jünger, Benn, Bukowski und so weiter, weil sie „Lehrmeister der Gelassenheit” sind. Bist du ein gelassener Mensch? Warst du das schon immer?

Das war ich noch nicht immer. Ich bin es meist auch heute nicht. Ich bin aber viel gelassener als früher. Es gibt den schönen Satz „Wenn du Dinge nicht ändern kannst, über die du dich aufregst, überdenke deine Haltung zu ihnen”. Anders formuliert: prüfe stets, ob etwas die Aufregung wert ist.

Auf der einen Seite habe ich in den letzten Jahren Dinge im – mitunter: vermeintlich – engsten Umfeld erlebt, Verrat, Enttäuschung, Verfall, da kommt keine Gelassenheit auf, da sag ich vielleicht noch einmal etwas, dann gehe ich in die „Sicherheit des Schweigens” und kämpfe das mit den inneren Dämonen aus, oder belasse es dabei.

Gelassenheit heisst nicht „Hinnehmen und Dulden”. Aber es heisst: nicht jeder Strauss muss ausgefochten werden, zumeist ist es viel besser, nicht auf Replik zu sinnen, sondern auf Wiederherstellung der inneren Ruhe. Jünger hatte sehr recht als er sagte: Wenige sind wert, dass man ihnen widerspricht. Ich verstehe immer mehr, was er damit meinte.

Stichwort „Gelassenheit”, Stichwort „Jünger”: Ernst Jünger hat den Ersten Weltkrieg überstanden, indem er sich innerlich von der Wirklichkeit distanzierte und sie -auch die grauenhafte- ästhetisch betrachtete. Glaubst du, dass das ein geeignetes Modell ist, um auch unsere gegenwärtige deutsche Wirklichkeit zu betrachten?

Zweifach Nein, aber zweifach mit Fragezeichen. Dass Jünger mit innerer Distanz den Ersten Weltkrieg überlebt habe, glaube ich nicht. Dazu bekennt er zu sehr das Rauschhafte, das Unbedingte, das Unmittelbare. Und nicht die Distanz zur Wirklichkeit, sondern die ungebrochene Nähe zu ihr bei gleichzeitiger Reflektion – Jünger nennt das den „Stereoskopischen Blick” – ist die Erfahrensbewältigung bei Jünger. Gleichwohl sind Jüngers Texte zum Ersten Weltkrieg Bewältigungstexte und keine 1:1-Erlebnisdiktate.- Zweites Nein: Innere Distanz zur deutschen Gegenwart ist kein Mittel zu was auch immer. Jedoch verstehe ich den zweiten Teil der Frage nicht so recht. Ich wüsste nicht, dass ich zu deutscher Wirklichkeit innere Distanz entwickeln sollte. Es gibt Entwicklungen und Tendenzen, die ich ablehne, andere die mir Sorgen machen, aber innere Distanz? Wenn ich durch die Strassen gehe, sehe ich viele Menschen, mit denen ich nichts zu tun haben wollte – da empfinde ich innere Distanz, aber das ist individuelles Unbehagen, vielleicht gar Misanthropie. Das ist dann mein Problem, kein allgemeines.

Warum hast du sieben Katzen und keinen einzigen Hund?

Das ist nicht die Entscheidung von meiner Frau und mir. In einem Katziarchat steht der Mensch am unteren Ende der Entscheidungskette, ist geduldet als notwendige Begleiterscheinung der Nahrungskette und überdies als Wellnessbeauftragter, der mit Massagen (Kraulen) und ähnlichem den Fellbürstsüchtlingen zu Diensten zu sein hat. Das Katziarchat hat in seinem weisen Ratschluss entschieden, dass ein Hund nicht genug zum Amüsement der Katzschaft beitragen könne. Wir haben wunderbare Hunde in der Nachbarschaft, wenn wir also mit Hunden uns bereden wollen, so müssen wir nur die Nase aus der Haustür stecken.

Lieber Tobias Wimbauer, vielen Dank für die Antworten.

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