Straight Edge

11. Juni 2009 § 0 - von Patricia Dunkel

Rausch ohne Drogen? Hardcore Punk macht’s möglich

Ein Leben mit lauter Musik, bei der die Sänger meistens nur noch schreien anstatt zu singen, einen Körper voller Tattoos und dunkle Kleidung, außerdem Konzerte bei denen so wild getanzt wird, dass einem Angst und Bange werden könnte.

Oder: Ein Leben mit jeglichem Verzicht von Zigaretten, Morgende ohne Kater, keine Drogen für ein leichteres und unbeschwerteres Lebensgefühl und keinen Sex mit wechselnden Geschlechtspartnern für den besseren Kick.

Zwei völlig unterschiedliche Arten sein Leben zu leben, unabhängig von einander und ohne jegliche Gemeinsamkeiten und doch verbunden. Aber wodurch?
Es gibt eine Gruppe Jugendlicher, die auf diese wilde und bedrohliche Musik steht und es vorzieht, die Umwelt nüchtern und klar wahrzunehmen. Diese Jugendlichen sind weder Anhänger einer speziellen Umweltbewegung, noch Vertreter einer Krankenkasse und auch keine Mitglieder einer besonderen Religion. „Straight Edger“ nennen sich diese, die den – auf Deutsch übersetzt- „unbedröhnten Weg“ ohne Alkohol- und Drogenexzesse vorziehen.

Gegründet haben sie sich ursprünglich als eine Gegenszene der Punks in den 70ern, die der Meinung waren der Weg, sich mit Hilfe von Suchtmitteln und Drogenrauschen von ihren „langweiligen Eltern“ abzugrenzen und gegen das System zu rebellieren, sei der einzig wahre und sinnvolle. Ausgedrückt wurde dies durch die offensichtlich andere Kleidung, den neuen Musikstil und die rebellische Haltung.

Während sich nun also die Punk Szene in dem Sinne weiterentwickelte, für das sie bekannt war: Anarchie, Selbstzerstörung und Nihilismus, gab es Jugendliche die sich damit nicht zufrieden geben wollten. Neu entstandene Bands der Straight Edge Szene (meist abgekürzt durch „sXe“) schrien literarisch für gesellschaftliche Veränderung. Auch der Sänger der Band „Minor Threat“ Ian McKaye beschäftigte sich textlich lieber mit dem öffentlichen Druck und den Problemen der Jugendlichen in der Gesellschaft anstatt über die Nichtakzeptanz sämtlicher Institutionen und die offene Ablehnung und Brüskierung des Systems zu singen. Mit dem Song „Straight Edge“ (1980) beschrieb eben dieser, seine strikt negative Haltung gegenüber denen, die sich selbst zerstören, indem sie ihre Lungen an Tabakfirmen verkaufen und sich den Geist mit Drogen und Alkohol vernebeln.

Er bündelte darin die Ideale der Szene und erschuf etwas mit dem sich die Anhänger identifizieren und von dem Rest der Jugend separieren konnten:

„I’m a person just like you
But I’ve got better things to do
Than sit around and smoke dope.
[…] I don’t even think about speed,
That’s something I just don’t need,
I’ve got the straight edge.“

( Quelle: www.magistrix.de)

Schnell entwickelte sich der Hardcore- Song zur „Hymne“ der Straight Edge Szene. Offensichtlich war Musik (im Besonderen: Hardcore) immer schon ein unabdingbarer Bestandteil der Szene, erreichte aber ihre Wichtigkeit mit einer anderen Band: Eine Gruppe junger New Yorker „Youth of Today“. Mit einem ihres Songs drückte sie den Wunsch aus, die Szene in einer Jugendbewegung zu einen und zu definieren.

Da die Band Konzerte gab, bei denen auch Jugendliche unter 18 anwesend waren, wurden diese von den Türstehern mit einem Edding durch ein X auf der Handfläche markiert, um so von der Möglichkeit des Alkoholkaufs ausgeschlossen zu werden. Bald fingen auch Erwachsene an, sich aus Solidarität mit einem X- zu kennzeichnen. Straight Edger entwickelten daraus einen Kult und auch heute noch ist das X das Symbol der Bewegung, welches sich viele Straight Edger als Tattoo stechen lassen, um so die Dauerhaftigkeit ihrer gesünderen Lebenseinstellung zu verdeutlichen. Denn wer sich einmal dazu entschieden hat, Straight Edge zu leben, tut dies meist ein Leben lang.

Aber wie kommt man überhaupt dazu, sich für diesen Weg zu entscheiden? Dafür gibt es die unterschiedlichsten Geschichten und Gründe: Bei dem Einen war es das schlechte Vorbild in der Familie oder im Freundeskreis, die sich mit Giftstoffen zu Grunde richteten, bei dem Anderen die eigene Grenzerfahrung in der Jugendzeit, bei der sie jegliche Kontrolle über sich selbst und ihr Leben verloren hatten.

Selbstverständlich gibt es innerhalb der Bewegung die unterschiedlichsten Meinungen, wie strikt man die Ideale lebt und ob man nicht auch als Vegetarier oder Veganer leben sollte. Einig sind sich aber alle in dem einen Punkt: Nüchtern kann man seine Zeit sinnvoller nutzen als in einem Vollrausch.

(Text: Patricia Dunkel, Bild: Wikipedia-Nutzer Andy MacKay)

Unsere Gast-Autorin Patricia Dunkel studiert Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Beziehungen. Derzeit befindet sie sich zu Forschungsaufenthalten in Südspanien und Mexiko.

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