Pilar, eine nicht mehr ganz junge Jura-Studentin auf ihrem Weg zum Richteramt, erhält nach längerem Schweigen wieder einen Brief ihres Jugendfreundes. Während sie, seit ihre Lebenswege vor einigen Jahren auseinander gingen, in ihrer Heimat geblieben war, um sich einem gesicherten Leben zu ergeben, reiste er durch die Welt, lernte Menschen kennen und fand sich selbst. Als sie sich treffen ist sie ob seiner Berühmtheit und der Tatsache, dass viele Menschen kommen, um seinen Vorträgen zuzuhören beeindruckt und eingeschüchtert. Sie erfährt, dass er sich kurz vor dem Abschluss seines Priesterseminars befindet und jetzt, wo es fast zu spät ist, ihr das sagen wollte, was er in der Zeit ihrer Jugendfreundschaft nicht wagte: Er liebt sie.
Als einer der drei Romane, neben „Der Dämon und Fräulein Prym” und „Veronika beschließt zu sterben” ist auch für diesen selbstverständlich, dass Coelho aus Sicht einer Frau, nämlich der kontrollierten Jurastudentin Pilar, schreibt und einen Zeitraum von sieben Tagen darstellt. Dieses Mal tut er es allerdings in der Ich-Form, was er in den anderen beiden Büchern nicht getan hat. In der Zeit vom vierten bist zum neunten Dezember 1993 und den Tag danach erfährt sie vom Glauben ihres Jugendfreundes, von seiner Liebe zu ihr und entdeckt ihre überwunden geglaubten Gefühle für ihn neu.
Außer der Tatsache, dass er -der während der gesamten Erzählung namenlos bleibt- kurz vor dem Abschluss seines Priesterseminars steht, hat er auch noch seine Gabe zu heilen entdeckt. Darüber hinaus glaubt er an die weibliche Seite Gottes und sieht die Zeit gekommen, ihr zu huldigen und ihre Göttlichkeit zu predigen. Die Gabe und sein besonderer Glaube erklären nicht nur seine Berühmtheit und das Interesse an seinen Vorträgen, sie begründen auch, dass er sich verpflichtet fühlt, ein spirituelles und rastloses Leben mit Vorträgen, Heilen und viel Gegenwind zu führen, da seine Gottesanschauung nicht bei jedem auf Gegenliebe stoßen wird.
Coelho beschreibt die Konflikte beider aus Pilars Sicht. Zum einen muss sie sich entscheiden, ob sie ihr auf Sicherheit ausgelegtes Leben aufgibt, um an der Seite eines rastlosen, revolutionären Predigers zu sein. Zum anderen muss er sich entscheiden, ob er seiner Bestimmung ein spirituelles Leben als Priester zu führen, für seine große Liebe aufgibt. Doch die eher romantisch-unterhaltsame Rahmenhandlung ist längst nicht alles, was Coelho dem Leser hier vermittelt.
Es ist hochinteressant, wie der Autor immer wieder mit einzelnen Themen seine Bücher untereinander vernetzt, wie er gewisse Dinge, Begriffe und kleine Weisheiten immer wiederholt. So äußert Pilars Jugendfreund zum Beispiel, dass man immer der Verlierer sei, wenn man der Aufforderung anderer Menschen nachgäbe, ihnen Ratschläge zu geben… ein Ratschlag, der einem aus dem „Handbuch für den Krieger des Lichts” sehr bekannt vorkommt. Des weiteren erwähnt er eher nebenbei den heiligen Savinus, den er in „Der Dämon und Fräulein Prym” ausführlich behandelt.
Weiterhin vermittelt er dem Leser durch die Worte des angehenden Priesters eine äußerst unkonventionelle Gottesanschauung. Coelho beklagt sich mit der Stimme Pilars Jugendfreundes darüber, dass die weibliche Seite Gottes über die Jahrhunderte verloren gegangen sei. Pilars Jugendfreund, sein Abt und eine kleine religiöse Gruppe, die bei der Anbetung der Göttin beschrieben wird haben es sich zum Ziel gemacht, dieser Göttin zu huldigen und ihr wieder zur Macht zu verhelfen.
Das – so hat der junge Mann es bereits selbst erkannt – wird auf Gegenwind stoßen und gibt mindestens Anlass zur Diskussion. Jedenfalls hat Coelho hier einen vielschichtigen Roman geschrieben, der trotz der gewohnt einfachen Sprache durchaus mehrere Botschaften vermittelt. Als reine Unterhaltungslektüre reicht die Rahmenhandlung der Liebesgeschichte nicht aus. Zusammen mit dem “nebenbei” behandelten Themen der Göttin und dem Konflikt zwischen Sicherheit, Wagnis und Verantwortung (der ein unerwartetes Ende nimmt) einen wissenswerten Blick auf einen ganz anderen (christlichen? ) Glaubensansatz. Wer sich mit Coelho beschäftigt, sollte dieses Buch gelesen haben. Denen, die sich nicht explizit mit ihm auseinandersetzen sei der Roman dann empfohlen, wenn sie mehr über die Idee einer (christlichen?) Göttin wissen möchten.

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