Zukunftsvision
“Es gibt Prognosen, die behaupten, dass unsere Technik eines Tages in reine Zauberei ausmünden wird… Lichter, Worte, ja fast Gedanken würden hinreichen. Ein System von Impulsen durchflutete die Welt.”
Mit nahezu prophetischer Voraussicht beschrieb Jünger 1957 in seiner Erzählung „Gläserne Bienen” eine hochtechnologische Zukunft. Von der Computeranimation und der Playstation bis hin zur Nanotechnologie und anderer nicht mehr zu fassenden Technik beschreibt er fast schon die heutige Normalität. Das alles umrahmt er mit der Geschichte des preußischen Kavallerieoffiziers Rittemeister Richard, der noch nicht im Geist dieser neuen Zeit angekommen ist.
Richard hat ein liebes Fräulein zu Hause, ist abgebrannt und braucht dringend einen Job. Das ist für den Zweifler aber keine einfache Angelegenheit, sein Werdegang war -salopp formuliert- nicht gerade von Erfolg gekrönt. Auf der Kriegsschule wurde er noch als Offizier der Kavallerie ausgebildet. Doch dann musste er erleben, wie diese stolze Waffe dem einfachen Schützen mit einem präzisen Gewehr unterlegen war. Der Wechsel in den Panzer fiel ihm genau so schwer, wie der in die neue Zeit an sich. Technisch ist er zwar versiert, sodass er in der Panzerabnahme eingesetzt wird. Aber seine Eigenschaft, die Dinge abzuwägen und von verschiedenen Seiten zu betrachten, bringt ihn in den Ruch des Zersetzers. Seine Laufbahn ist damit genau so versaut, wie sein Übergang in die neuen Zeiten.
Twinning, ein alter Kamerad, vermittelt ihm ein Bewerbungsgespräch beim Großindustriellen Zapparoni. Dieser ist dafür bekannt, dass er seinen Wissenschaftlern hervorragende Arbeitsbedingungen bietet, aber doch sehr unangenehm wird, wenn sie seinen Konzern verlassen wollen. In diesem Zusammenhang hat Zapparoni eine Stelle zu vergeben, Twinning kann dem Rittmeister aber nicht genau erklären, worum es geht. Er weiß nur, dass sein potentieller Vorgänger verrückt geworden und spurlos verschwunden ist. Der alte preußische Kavallerieoffizier hat ein schlechtes Gefühl bei der Sache, aber er sitzt in der Patsche, hat also keine andere Wahl: Er tritt das Bewerbungsgespräch an.
Die Begegnung mit dem rätselhaften Großunternehmer entspricht dann bei weitem nicht dem, was er erwartet hat. Er wird von Zapparoni geprüft, beobachtet und hinter’s Licht geführt. Er begegnet im Garten des Unternehmers den „Gläsernen Bienen”, kleinen Flugmaschinen, die -äußerst effektiv- den Nektar vollständig aus den Blüten saugen. Diese (Nano-)Technologie fasziniert ihn sofort, sodass er sie wie in Trance beobachtet, bis er eine grauenhafte Entdeckung macht. Im Teich des Gartens liegen hunderte abgeschnittene Ohren, er bekommt es mit der Angst zu tun.
An dieser Stelle wollen wir die Inhaltsangabe abbrechen, selber lesen lohnt sich doppel. Jünger zeichnet das Bild eines Menschen, der sich langsamer entwickelt, als die Zeit es tut. Er übt keine pauschale Kritik an der technologischen Entwicklung, er weist aber auf ihren potentiellen Schrecken hin und erinnert an die, die dem technologischen Zeitalter nicht gewachsen sind. Letzteres zeigt er wunderbar in den langen gedanklichen Monologen des Rittmeisters, die nicht nur von Selbstzweifel geplagt sind, sondern auch einen lesenswerten philosophischen Blick auf alte und neue Zeiten werfen.
Am Ende nimmt Jüngers Erzählung noch eine interessante Wendung, die sie nicht nur in weltperspektivischer, sondern auch in erzählerischer Hinsicht äußerst lesenswert macht.

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