„Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift. Wie unwiderruflich sind sie doch dahin, und unbarmherziger sind wir von ihnen getrennt als durch alle Entfernungen.”
In diesen -wunderschönen- ersten Zeilen kündigt Jünger die Tragödie an, die den Leser in der Erzählung „Auf den Marmorklippen” erwartet. Er berichtet vom Zusammenbruch einer Kultur, die der Ich-Erzähler gemeinsam mit seinem Bruder Otho erlebt. Parallelen zu ihm und seinem Bruder Friedrich-Georg sind dabei unverkennbar.
Die Brüder verbringen ihre Tage in der idyllischen Großen Marina. Sie wohnen in ihrer Rautenklause am Rande der Marmorklippen und beschäftigen sich dort intensiv mit dem Studium und der Erfassung von Pflanzen. Doch die Zeiten wandeln sich und großes Unglück kündigt sich an: Der Oberförster schickt zwielichtige Gestalten aus seinen Wäldern in das Land und beschwört so Unruhen herauf, welche die Brüder zunächst zu ignorieren versuchen. Als sie jedoch seiner Gräueltaten gewahr werden, greift auch der Ich-Erzähler zur Flinte, um gemeinsam mit den letzten Aufrechten gegen ihn in die Schlacht zu ziehen. Doch diese gerät schließlich zu einem Scharmützel, in dem die wackeren Krieger vernichtet werden. Die Schergen des Oberförsters haben nun endgültig freie Hand, sie brandschatzen und verwüsten das Land. Die Brüder fliehen und verlassen ihre Heimat.
Jünger erzählt in starker Chiffre und zeichnet filigrane Bilder, zunächst der guten Zeiten, dann des Niedergangs und schließlich der großen Katastrophe. Er füllt die Rahmenhandlung einerseits mit vielen philosophischen Weisheiten, andererseits aber auch mit einer fast schon prophetischen Weisheit. Die Erzählung erschien 1939 und der Oberförster, an dem er kein gutes Haar lässt, könnte als Hermann Göring, aber auch als Adolf Hitler selbst interpretiert werden. Diese deutliche Kritik am Nationalsozialismus war sicherlich nicht ohne Risiko, was dieses ohnehin schon faszinierende Buch noch zusätzlich auszeichnet.
Er beschreibt sowohl die guten Zeiten, als auch die späteren Schrecken und Gräuel mit einer außerordentlichen Ästhetik. Jünger teilt mit, dass Untergang nicht zu verhindern ist. Durch seine Protagonisten schlägt er zweierlei Möglichkeiten vor, sich diesem zu stellen: Entweder in Würde und vollem Ornat oder todesmutig in der Schlacht. Beide Varianten enden zwar in der Katastrophe, werden von ihm jedoch ästhetisiert und als unausweichlich dargestellt. Im Internet muss man nicht lange suchen, um deutliche Kritik daran zu finden. Ebenso stören sich manche Rezensenten daran, dass er dem Untergang, auch dem eigenen, so gelassen gegenüber steht.
Doch eben diese Punkte, Ästhetik und Seelenruhe, sind es, die faszinieren, binden und den Eindruck von Weisheiten und Weisheit erzeugen. Anhänger des Autors werden das Buch -sofern sie es noch nicht gelesen haben- ohnehin lieben. Jünger-Neulingen sei die Erzählung herzlich empfohlen: Es ist eine deutliche Kritik am Nationalsozialismus aus der Perspektive eines ehemaligen Frontsoldaten, der den ersten Weltkrieg psychisch überlebte, indem er sich innerlich von grauenhaften Eindrücken distanzierte. Genau dieser Distanzgewinn durch Ästhetisierung wird “Auf den Marmorklippen” sehr deutlich. Das muss man nicht mögen, doch die Lektüre lohnt sich in jedem Fall.

del.icio.us | Mister Wong | yigg.de | twitter.com | facebook.com