Antonio Tabucchi: “Erklärt Pereira”

22. Mai 2009 § 0 - von Martin J.G. Böcker

„Es war der fünfundzwanzigste Juli neunzehnhundertachtunddreißig, und Lissabon strahlte im blau einer Atlantikbrise, erklärt Pereira.”

Dr. Pereira ist ein fetter alter Witwer. Er leitet die unwichtige Kulturseite einer unwichtigen Abendzeitung im Portugal der späten dreißiger Jahre. Er lebt in der Vergangenheit, fasziniert sich für den Tod und spricht täglich mit dem Bild seiner schon lange verstorbenen Frau. Fernab von allem ignoriert er erfolgreich, dass Portugal mehr und mehr in die Hand der Faschisten unter Salazar gerät. Auf der Suche nach einem Praktikanten für sein Ressort macht er die Bekanntschaft mit Monteiro Rossi, einem jungen Mann aus dem Widerstand, und so nimmt die Geschichte langsam (ganz langsam, glauben Sie mir) ihren Lauf.
Der italienische Autor Antonio Tabucchi hat seinem Roman „Erklärt Pereira”, den er selbst als „Zeugenaussage” betitelt, Zeit gelassen. Es ist keine hektische Erzählung, Tabucchi scheint es nicht für nötig zu halten, den Leser mit Spannung erzeugenden Stilmittel an die Seiten zu fesseln. Im Gegenteil, er bringt noch zusätzlich Ruhe in die Geschichte, indem er das Erzählte immer und immer wieder mit „.sagt Pereira”, „…erklärt Pereira”, „…erklärt er” und so weiter verlangsamt.

So gesehen ist das Buch langweilig. Trotzdem habe ich es am Stück gelesen. Wie hat der Autor das geschafft?

Mit sanfter Gewalt zieht Tabucchi seine Leser in die Welt eines phlegmatischen Intellektuellen hinein, der diese Welt wiederum partout nicht verlassen möchte. Man erlebt dieses Phlegma mit ihm, und fühlt unwillkürlich mit diesem einsamen, kranken und alten Mann, der den Faschismus um sich herum ignoriert. Die Begegnungen mit Monteiro Rossi, dem Widerständler, und hinterher auch mit dessen Freunden heben die Spannungskurve höchstens unmerklich. Insgesamt erzählt der Autor so, dass sein Leser gar nicht merkt, wie man weiter und weiter blättert, bis er irgendwann doch den Punkt erreicht, an dem der alte Mann erkennen muss, dass auch er die Verantwortung hat, zu handeln.

Bei allem Phlegma ist dieses Buch eines, das Mut macht. Es zeigt, dass auch solche Menschen, die offensichtlich nicht zum Helden taugen, noch nicht mal Helden sein wollen, Möglichkeiten haben, Zeichen zu setzen. Es ist langweilig, aber es langweilt nicht. Ein Kunstgriff von Antonio Tabucchi, den man am besten ganz früh morgens oder ganz spät abends liest.

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