Helden des Alltags: Der klinische Psychologe

15. Mai 2009 § 0 - von Martin J.G. Böcker

Letzter Teil der Reihe “Alltagshelden”

Matthias Peidelstein ist Psychologe in einer Klinik für Patienten mit Querschnittslähmung. Er baut Beziehungen zu Menschen auf, die oft von jetzt auf gleich aus ihrem normalen Leben gerissen wurden.

Herr Peidelstein, Sie sind Psychologe in einer Reha-Klinik für Querschnittsgelähmte. Was sind dort Ihre Aufgaben?

Meine Aufgabe dort ist es, für die Querschnitts-patienten Ansprech-partner zu sein. Zum einen, wenn es um seelische Belastungen geht: Also psychische Störungen, die sich aus der Querschnitts-lähmung ergeben haben, vielleicht auch schon vorher bestanden haben. Zum anderen bin ich auch Ansprechpartner für alltägliche und perspektivische Dinge. Das geht dann auch schon ein bisschen in Richtung Sozialarbeit. Wie ist die Situation zu Hause? Was müssen für Hilfsmittel beantragt werden?

Wie verhalten sich Ihre Patienten Ihnen gegenüber?

Ich habe den Eindruck, dass die Patienten am Anfang sehr offen sind. Wenn sich aber die ersten Erfolge zeigen, dann kommt natürlich so eine Loslösung vom Psychologen. Die Perspektive wird positiver, weil man merkt, dass man mit den Armen, vielleicht auch mit den Beinen wieder mehr machen kann. In der Zeit ist es halt eher eine Begleitung der Patienten, um nicht Kontakt zu verlieren. Zum Ende, wenn es Richtung Entlassung geht und die Erfolge wieder weniger werden, dann ist die Situation da, in der die Patienten damit zurecht kommen müssen, was sich alles verändert hat und verändern wird.

Wie oft sehen Sie Ihre Patienten?

Das ist unterschiedlich und schwierig abzuschätzen. Es gibt Patienten, die ich zwei bis drei Mal pro Woche sehe. Die können dann zwischen drei und fünf Monaten bei uns bleiben. Ich hatte aber auch schon einen Patienten, der acht Monate da war.

Also deutlich lang genug, um eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen.

Ja.

Haben Sie angesichts Ihrer langen akademischen Ausbildung den Eindruck, dass Sie angemessen bezahlt werden?

Also momentan nicht. Aber ich habe natürlich den Vorteil, dass es noch Weiterentwicklungsmöglichkeiten gibt. Ich bin jetzt in einer privaten Klinik angestellt, da ist allgemein bekannt, dass die schlechter bezahlen. Aber es gibt auch Kliniken, die zahlen nach Tarif, da ist es schon deutlich besser.

Haben Sie sich vor dem Beginn des Studiums darüber Gedanken gemacht?

Über den Verdienst habe ich mir anfangs nicht wirklich Gedanken gemacht. Das war für mich eher sekundär. Mein Ziel war, Menschen in Problemsituationen zu helfen.

Arbeiten Sie außerhalb der normalen Arbeitszeiten noch viel?

Das habe ich eine Weile gemacht, aber da mein Arbeitsvertrag ausläuft, muss ich jetzt Stunden abbauen. Im Privaten habe ich dann halt noch Fachliteratur für meine Fälle gelesen. Zusätzlich muss ich noch für die nebenberufliche Ausbildung zum Verhaltenstherapeuten lernen. So bekommt man auch neue Ansätze. Ich will nicht einfach nur meinen Job machen, sondern mich auch als Psychologe weiterentwickeln.

Glauben Sie, dass Sie mit Ihrer Arbeit den Menschen wirklich helfen können?

Das ist in dem Bereich schwierig. Es gibt reflektierte Patienten, die einem ein gutes Feedback geben, es gibt aber auch solche, die kaum rückmelden. Man entlässt die Patienten aus der Klinik und hört dann nur noch wenig von Ihnen. In letzter Zeit hatte ich häufiger mal das Glück, von meinen alten Fällen zu hören. Also wie sie ihre Situation zu Hause bewerkstelligen, und dass sie die Ideen und Ansätze gut umsetzen konnten. Für mich selbst habe ich häufiger das Gefühl, dass ich was bewegen konnte.

Macht es Ihnen zu schaffen, wenn Sie die Patienten in eine ungewisse Zukunft entlassen, und dann nichts mehr von ihnen hören?

Ja, gerade die schweren Fälle, mit denen man viel gearbeitet hat. Vor allem, wenn man zum Beispiel noch zwei Wochen vor der Entlassung klären musste, wie es jetzt mit der Hilfsmittelversorgung und der Unterkunft aussieht. Da habe ich schon das ein oder andere Mal den Gedanken gehabt, dass es schön wäre, wieder mit ihnen in Kontakt zu kommen.

Kann man überhaupt abgrenzen, wem man jetzt geholfen hat, und wem nicht?

Das ist schwierig. Das halt auch häufig so Dinge, die sich erst mit der Zeit entwickeln. Es gab da auch so Situationen, in denen ich in der Klinik das Gefühl hatte, dass es einfach nicht voran geht, es zu Hause aber gut funktioniert hat. Ich denke aber, dass ein Großteil was mitnimmt.

Begegnen die Menschen Ihnen oft mit Vorbehalten gegenüber Psychologen?

Das versuche ich immer abzufangen. In den ersten Sätzen eines Gesprächs mache ich den Patienten eigentlich klar, dass sie jetzt nicht hier sind, weil jemand sagt, dass Herr oder Frau „XY“ verrückt sind. Bis jetzt haben vielleicht zehn oder zwanzig Prozent meiner Patienten bei diesem Satz ein bisschen gelächelt haben und sagen, dass sie genau das gedacht haben.

Inwiefern haben Sie Angst, dass Sie durch den großen Einfluss, den Sie als Psychologe haben, bei den Menschen etwas kaputt machen können?

Jeder Mensch hat natürlich einen gewissen Eigenschutz, das ist ein Vorteil. Und ich baue keinen Druck auf oder versuche unter Zwang, etwas herauszufinden. So lasse ich den Patienten ihre Eigenverantwortung. Das ist der eine Punkt, der mir Sicherheit gibt. Der andere Punkt ist, dass ich darauf achte, was ich bei dem Patienten bewirke. Wenn ich merke, dass er in seiner Stimmung stark absackt, dann gibt es Strategien, ihn nicht dort zu belassen, sondern wieder aufzubauen.

Gibt es auch hoffnungslose Fälle?

Die gibt es leider auch. Aber einen richtig hoffnungslosen Fall hatte ich bisher noch nicht. Es gab mal einen Patienten, bei dem es sehr schwer war, eine Beziehung aufzubauen. Ich habe ihn dann weitervermittelt, aber ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ansätze waren aber auch bei ihm zu erkennen.

Wie gehen Sie mit besonders schweren Fällen um?

Wenn ich selber nicht weiter komme, dann versuche ich erst mal, mir Rat zu holen. Wir haben auch die Möglichkeit Supervision zu betreiben, in denen andere Ansätze gegeben werden. Das hat mir bisher immer weiter geholfen.

Nehmen Sie solche schweren Fälle mit nach Hause?

Zum Teil ja. Es gab in meiner Laufbahn bis jetzt drei Fälle, die ich auch mit nach Hause genommen habe. „Nach Hause nehmen“ bedeutet jetzt nicht nur reines Gedankenmachen, sondern auch, dass man davon träumt, nicht so richtig davon los kommt. Bisher gab es das aber immer nur in dem Zeitraum, in dem sie Patient bei uns waren. Nach ihrer Entlassung hat das dann aufgehört.

Haben Sie Bewältigungsstrategien?

Also ich finde es gut, wie ich es momentan mache: Wenn ich nach Hause fahre, lege ich laute Musik ein, oder ich gehe nach der Arbeit einkaufen, um eine Trennung zwischen Arbeit und Wohnung zu bekommen. Ich bin auch der Meinung, wenn man sich eine gewisse Routine aufbaut, dann stellt sich der ganze Körper drauf ein. Bevor ich die Arbeit verlasse, räume ich zum Beispiel mein Büro noch mal ordentlich auf, weil ich so immer einen Abschluss des Tages herbeiführen kann.

Denken Sie, dass Psychologen in Ihrem Bereich eine gewisse Halbwertszeit haben? Bis zu dem Punkt, wo man einfach nicht mehr kann?

Wenn ich von mir ausgehen würde… bin ich schon ganz froh, dass ich jetzt nach den zwei Jahren in einen anderen Bereich gehen kann. Ich könnte das vielleicht noch ein bis zwei Jahre weiter machen, aber dann müsste auch irgendwann was anderes her, dass man auch mal einen Abschluss sieht. Im Reha-Bereich fangen wir halt nicht die Chance, eine Therapie von vorne bis hinten aufzubauen. Ich möchte im Rahmen der Therapie auch mal eine Abschlussphase sehen.

Sie werden in Ihrem Beruf die nächsten 35 Jahre aus nächster Nähe mit fremdem Leid konfrontiert. Glauben Sie, dass das zu schaffen ist?

Es kommt einfach auf die Strategien an. Zum Beispiel, wie man das „Therapeuten-Ich“ und das private Ich trennt. Dann kommt es auch darauf an, mit was für einem Leid man konfrontiert wird. Gerade der Bereich Querschnitt ist sehr anstrengend, deswegen könnte ich mir auch nicht vorstellen, so etwas 35 Jahre lang zu machen. Wenn man aber Patientenklientel hat, bei dem man eine Entwicklung mitbekommt, zum Beispiel in einer eigenen Niederlassung, dann sieht man, dass sich was tut. Das ist für einen Therapeuten eine ganz wichtige Erfahrung, weil man nicht nur das Leid, sondern auch die Erfolge sieht.

Sind die Menschen Ihnen dankbar?

Da gibt es auch solche und solche. In den meisten Fällen merke ich schon eine Dankbarkeit. Es gibt aber auch Fälle, bei denen zum Beispiel der Beziehungsaufbau sehr schwierig war.

Ist der Dank der Patienten Ihr Ziel?

Wenn das mein Ziel wäre, dann wär’s noch schwieriger. Psychologen sind einfach nur die Wegweiser für einen Weg, der meistens ganz schwierig ist. Das merken die Meisten schon daran, wenn es darum geht, eine Sportart regelmäßig zu machen. Wenn es dann noch darum geht, seine persönlichen Gewohnheiten zu verändern, dann ist das noch schwieriger. Das ist ein Weg, den die Patienten alleine gehen müssen. Da ist es natürlich so, dass der Patient eher sich selbst dankbar sein sollte.

Sehr geehrter Herr Peidelstein, vielen Dank für das Gespräch.

(Bild und Text: Martin Böcker)

 

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