Christlich-konservatives Weltbild in wunderbarer Sprache.
„Um das Haus lag ein sonntäglicher Glanz, den man mit einigen Besenstrichen, angebracht Samstag abends zwischen Tag und Nacht, nicht zu erzeugen vermag, der ein Zeugnis ist des köstlichen Erbgutes angestammter Reinlichkeit, die alle Tage gepflegt werden muss, der Familienehre gleich”. Mit welch schönen Worten leitet Jeremias Gotthelf seine Novelle „Die schwarze Spinne” ein!
Er beschreibt das Idyll einer Kindstaufe inmitten glücklicher Menschen, Überfluss und herzlicher Frömmigkeit. Doch welcher Schrecken erwartet sie?
Bei der abendlichen Tauffeier gab es gar lustige Gespräche, und nach einer ordentlichen Schlemmerei fand die Gesellschaft sich nur all zu bereit für einen kleinen Spaziergang im reichen Garten. Unter einem Baum sitzend kam dann das Gespräch auf den einzigen dunklen Fleck inmitten dieses freundlichen Tals: Ein schwarzer Fensterposten am stattlichen Haus. Dieses Mangels wegen befragt, schickt sich der Großvater an, mit bedenklicher Mine die Geschichte eines Paktes mit dem Teufel und der schwarzen Spinne zu erzählen.
Mehr als sechshundert Jahre war es her, als die Bauern der Umgegend dem wüsten Ritter Hans von Stoffeln Frondienste leisten mussten, den Zehnten und Bodenzinsen mussten sie erbringen, und er kannte keine Gnade, sondern ermunterte sie nur mit Drohungen, Schlägen und heidnischen Beschimpfungen. Er war ein Prahlhans und vor anderen Rittern gab er an, seine Bauern würden binnen eines Monats sein Schloss mit einem Schattengang von hundert Bäumen zieren. Also gab er den Befehl und drohte mit Blutbuße, sollten die Bauern ihm nicht entsprechen. Sie weinten zwar, taten aber wie befohlen. Doch die Last dieser Aufgabe war zu groß. Der Teufel persönlich bot seine Hilfe feil: Für den Preis der Seele eines ungeborenen Kindes würde er den Schattengang anlegen.
Ein Kontrast von Kollektivschuld und Sündenböcken, Sündern und Frommen
Jeremias Gotthelf weiß eine Geschichte von Unterdrückten und Verzweifelten zu erzählen, die er in die von freien und glücklichen Menschen einbettet. Der halb erzwungene, halb freiwillig eingegangene Pakt mit dem Teufel brachte Schuld über alle Menschen im Tal, und ob dieser Schuld fanden alle ihre Geißel in einer schwarzen Spinne, die aus diesem Handel hervorging. Obwohl jeder einen Teil der Schuld trug, sah keiner sie bei sich, Sündenböcke wurden gefunden und schreckliches Leid nahm so langen seinen Lauf, bis ein gottesfürchtiger Mensch sich für alle opferte und dem Treiben der Spinne ein Ende setzte.
Gotthelf stellt in seinem Werk das Glück frommer Menschen dem von gottlosen gegenüber. Dort wo keine klare Instanz herrsche, sei keine Gottesfurcht, und sobald kein „Meister oben am Tische” sitze, so meine sich der Größte, welcher „am wüstesten tue” und der Beste, welcher „die ruchlosesten Reden” führe. Er weiß zu differenzieren zwischen Gut und Böse, deutlich sogar. Er verkennt jedoch nicht, dass dazwischen auch Bereiche liegen, in denen man allerdings all zu leicht des Teufels Opfer werden kann.
Ein christlich-konservatives Weltbild, gezeichnet in wunderbar angewandter Sprache
Freilich ist es ein belehrendes Stück, es zeugt von einem klaren christlich-konservativen Weltbild. Zu einem besonderen Buch wird es jedoch nicht nur, weil Gotthelf oft „das Homerische” berührt, wie Thomas Mann einst urteilte. Auch nicht nur, weil die Erzählstruktur zwar komplex aber auch kurzweilig ist. Es ist vielmehr die Sprache, die Gotthelf in seiner Erzählung von 1842 so wunderbar gebraucht, um seine Bilder mit solchen Worten zu malen, die Stimmungen, Lagen, Glück und Leid so lebhaft wiedergeben. So lebhaft, dass es sowohl ein Genuss als auch ein Graus sein kann, die Zeilen zu verfolgen. Man muss das Buch nicht lieben, man kann es aber durchaus, und an Literatur Interessierte sollten sich die Zeit nehmen, diese Erzählung zu erleben. Es wird kurzweilig sein.

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