Wandbild Posse in Chemnitz: Kommentar und Zschocke im Gespräch

18. April 2009 § 1 - von Martin J.G. Böcker

Die Übermalungs-Posse um ein Chemnitzer Wandbild endete mit dessen Übermalung. Doch welche Folgen hat die Geschichte sonst noch? Für den Bürgermeister? Für die Neue Rechte? Für den Künstler? An dieser Stelle: Kurzes Fazit und ein Interview mit dem Maler Benjamin Jahn Zschocke.

Bürgermeister Brehm büßte ob seiner vorgeschobenen bürokratischen Taktiererei eine ordentliche Portion seines guten Rufes ein.

Sicher hat er im Vorfeld nicht mit kritischen Rückmeldungen aus einem meinungsbildenden Medium wie der Süddeutschen Zeitung gerechnet, geschweige denn mit aktivem Widerstand. Von der Empörung der Blog-Welt ganz zu schweigen. Brehm begeht den Fehler, den viele Politiker begehen, vor allem die mittelklassigen Lokalpolitiker. Er verwechselt repressives Verhalten aus einer überlegenen Position gegen Wenige oder gar gegen Einzelne mit “couragiertem” Verhalten.

Die Neue Rechte um Götz Kubitschek vermochte es, aus dieser Situation Kapital zu schlagen.

Sie konnte mit ihrer vierten “Konservativ-subversiven Aktion” (KSA) erneut Bilder schaffen, sich durch die deutliche Solidaritätsbekundung intern festigen, und sie hatte gleichzeitig noch eine gelungene PR-Aktion. Das ist der Stoff, aus dem man Legenden strickt. Der Preis des “gezielten Regelverstoßes” ist ein vergleichsweise geringer. Eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung schränkt die Lebensqualität nicht wirklich ein. Das ist sicherlich der Vorteil des “gezielten” Regelverstoßes: Ein unkontrollierter und disziplinloser Mob hätte randaliert.

Dem Künstler dürfte die ganze Angelegenheit unterm Strich sowohl genutzt, als auch geschadet haben.

Sicherlich schmerzt der Verlust einer aufwändigen Arbeit sehr. Allerdings ist er jetzt auch Teil der jüngsten Geschichte rund um die Neue Rechte, und somit eine neue Symbolfigur.

Martin Böcker: Vorab die Gretchenfrage. Wie hast Du’s mit der Demokratie?

Benjamin Jahn Zschocke: Natürlich stehe ich hinter der Freiheitlich Demokratischen Grundordnung. Das ist für mich überhaupt keine Frage.

Wie geht es Dir nach dieser ganzen Angelegenheit?

Als Mensch bin ich gekränkt. Als Künstler bin ich Trauer um das zweitgrößte Gemälde der Stadt Chemnitz. Und als Bürger bin ich besorgt um die freiheitliche Demokratie.

Wie beurteilst Du den Presserummel in den letzten Tagen?

Felix Menzel nennt einen solchen Vorgang in seinem gerade bei Antaios erschienenen Buch zu Recht ein “Medienritual”. Das bedeutet, dass die Medien eine Art Hexenjagd veranstalten, mit denen ein allgemeiner Meinungskonsens demonstriert werden soll.

Hat Dir die Diskussion um das Wandbild in den letzten Monaten geschadet? Wie sieht’s mit Deiner Auftragslage aus?

Ja und nein. In Chemnitz hat mir das den Boden unter den Füßen weggerissen. Eine künstlerische Zukunft gibt es hier nicht. Andererseits hat sich spätestens seit Oktober letzten Jahres mein bundesweiter Käuferkreis entschieden erweitert.

Was sagst Du zu einer Petra Zais, die Dich solchen Leuten zuordnet, die die “freiheitliche Gesellschaft” ablehnen?

Frau Zais` bis ins Mark durchsetzte SED-Vergangenheit ist bekannt. Dass solche Leute immer vorn dabei sind, ist bei ihnen symptomatisch. Es ist nicht das Zeichen von Charakter, sondern von seinem Fehlen. Ich sehe in meinem konservativen Weltbild keinen Widerspruch zur freiheitlichen Gesellschaft. Das Gegenteil ist der Fall. Wie wir ja wissen, ist das Konservative kein starrer Wertbegriff.

Kannst Du die Argumentation von Brehm nachvollziehen?

Nein. Genau wie bei Frau Zais: “Fehlender Charakter”, “immer vorn dabei sein”.

Was geht in Dir vor, wenn vier Leute sich verbarrikadieren, um Dein Bild zu retten?

Hochachtung! Ich bin ihnen zutiefst dankbar! Als ich heute Morgen von der KSA und den Verhaftungen erfuhr, hatte ich eine Gänsehaut und einen Klos im Hals. Danke, danke, danke!

Wie stehst Du zu deren Festnahme?

Das war der Akt eines zunehmend autoritären Staates.

Welche Konsequenzen ziehst Du aus dem Vorfall?

Keine rechtlichen.

Wirst Du in Zukunft in irgendeiner Form solche Dinge vermeiden, die Dich als “Rechten” kennzeichnen (z.B. Arbeit bei Pro Chemnitz, Schreiben für die Blaue Narzisse)?

Nein.

Vielen Dank für die Antworten.

(“Das Gespräch” befragte den Künstler telefonisch und per E-Mail.)

Schlagworte: , , , , , , ,

§ Ein Kommentar zu „Wandbild Posse in Chemnitz: Kommentar und Zschocke im Gespräch“

Worum geht's?

Sie lesen gerade Wandbild Posse in Chemnitz: Kommentar und Zschocke im Gespräch auf Das Gespräch.

meta: