Helden des Alltags: Der Lokalpolitiker

10. April 2009 § 1 - von Martin J.G. Böcker

Stefan Hermanns ist ein Multijobber. Der studierende Offizier meistert sein Studium und füllt nebenher mehrere politische Ämter aus. Vom Gemeinderat bis hin zum Studentischen Konvent. Und das alles im Ehrenamt.

Stefan, du bist im Studentischen Konvent der Universität der Bundeswehr München und kandidierst für die FDP im Gemeinderat Neubiberg. Das ist schon eine ganze Menge. Was machst du noch?

Ich bin außerdem noch Vorsitzender des Liberalen Campus München. Das ist eine hochschulübergreifende Studentenvereinigung, die mittlerweile an sechs Münchener Hochschulen ist, untereinander den Dialog sucht und natürlich auch in die Hochschulpolitik mit eingreift. In der Liberalen Hochschulgruppe in Bayern, das ist die Landesorganisation davon, bin ich stellvertretender Vorsitzender für Organisation.

Das hat dann starken FDP-Bezug? Oder ist das parteiunabhängig?

Das ist bezüglich der politischen Stellung mit der Thomas-Dehler-Stiftung zu vergleichen. Also wir sind eine politische Vereinigung mit Nähe zur FDP, weil dort viele Schnittmengen sind, aber laut Satzung ist die FDP nicht einziger, sondern lediglich erster parlamentarischer Ansprechpartner.

Das alles ist ja ein hoher Zeitaufwand. Wie rechtfertigst du das vor dir selbst, deiner Freundin, deinen Freunden und deiner Familie?

Das ist natürlich eine sehr schwierige Frage, vor allem mit meiner Freundin. Da habe ich halt das Glück, wenn man es denn Glück nennen kann, dass meine Freundin beruflich auch sehr eingespannt ist. Sie ist Unternehmensberaterin im IT-Bereich. Aber die Frage ist natürlich berechtigt, Zeit ist einer der wichtigsten Faktoren. Ich investiere viel Zeit für die Planungen, Kommunikation, Organisation, dann auch noch das Studium. Das ist nicht immer leicht.

Hast du das Gefühl, dass deine Noten da ein bisschen drunter leiden?

Nein, habe ich eigentlich nicht. Vielleicht habe ich sogar einen Vorteil, weil ich gezwungen bin, mir die Zeiten einzuteilen. Es kann sogar sein, dass ich dadurch –absolut betrachtet- mehr mache als andere, die nicht so einen straffen Zeitplan haben und sich dann so „laissez-faire“ aussuchen können, wann sie was machen. Und vom Studium her habe ich auch den Vorteil, dass ich jetzt scheinfrei bin und mir meine Zeit einteilen kann.

Was willst du mit deiner politischen Arbeit erreichen?

Also primär macht es mir einfach Spaß. Zum Beispiel der Liberale Campus München: Ich finde es total interessant mit anderen Studenten zusammen zu kommen, zu diskutieren, herauszufinden wo wir die gleichen Probleme haben und wo nicht. Und dann geht es vor allem darum, diese Probleme zu lösen oder Lösungsansätze zu schaffen. Das ist einfach mein Interesse und Hobby und begründet dann auch, dass es manchmal bis spät in die Abendstunden hineingeht.

Rutscht man in solche Aufgaben irgendwie rein? Oder wie bist du dazu gekommen?

Ja, da rutscht man rein. Und wenn man nicht aufpasst, dann rutscht man auch in viele weitere Posten rein, dadurch, dass es viele Überschneidungen gibt. Mittlerweile habe ich gelernt, dass man schon sehr auf der Hut sein muss. Es ist nämlich das Eine, eine Wahl zu gewinnen, aber man muss dann auch ein Jahr das Amt ordentlich ausführen. Dessen muss man sich bewusst werden, weil man seine Zeit dadurch einfach so stark zubaut, dass die anderen Ämter leiden. Mittlerweile wird es bisweilen etwas eng, sodass ich zum Beispiel den Deutsch-Arabischen Arbeitskreis, den ich mit initiiert hatte, an einen Nachfolger abgegeben habe.

Inwiefern hast du das Gefühl, dass du mit dieser Arbeit dein Umfeld verbessern kannst?

Dieses Gefühl habe ich ganz stark. Wir haben zum Beispiel mit dem Liberalen Campus München mal einen Besuch im Forschungsreaktor Garching durchgeführt und öffentlich dazu eingeladen. Da waren einige Anwohner aus dem Raum Garching und die positiven Rückmeldungen geben einem da einfach ein gutes Gefühl. Und wenn man halt viel arbeitet, kann man vielleicht auch als Vorbild gelten und den anderen sagen „Hey, man kann wirklich was ändern“. Das muss man einfach noch bewusster vermitteln.

Gut, das hört sich sehr uneigennützig an. Aber gerade jungen Politikern unterstellt man ja oft ein Dasein als Karrieristen. Wie stehst du dazu?

Ja, das hat ja auch schon Max Weber in „Politik als Beruf“ kritisiert. Diese Beispiele halte ich für Einzelfälle. Unter der Fassade gibt es einen riesengroßen Sockel von Personen, die nicht in die Politik gehen und das auch gar nicht wollen. Das sind ganz oft Leute, die einfach gegen die Probleme in ihrem Umfeld etwas tun möchten, die aber auch einfach nur ihre Freunde im Parteiumfeld haben, das ist auch eine wichtige Komponente.

Inwiefern glaubst du denn, dass diese ganzen ehrenamtlichen Helfer genügend Aufmerksamkeit bekommen?

Also der Punkt mit der Aufmerksamkeit ist natürlich sehr wichtig. Aber das ist wohl das Besondere an jedem Ehrenamt, dass es eigentlich die „Heinzelmännchen“ im Hintergrund sind, die arbeiten. Und wenn es gut läuft, dann geht eben nur der Kandidat in den Bundestag, nur der Kandidat wird in der Presse erwähnt oder auf dem Neujahrsempfang der Gemeinde hervorgehoben. Da liegt halt die Verantwortung bei dieser Einzelperson, entweder diese Unterstützung herauszustellen, oder sich intern einfach bei den Leuten zu bedanken. Wer das vergisst, der wird auch sehr schnell wieder nach unten fallen.

Wie hast du das für dich empfunden, als du noch Teil dieses Sockels warst?

Ich hatte in dem Fall natürlich die positive Voraussetzung, dass ich von der Bundeswehr klare Hierarchien mit „oben und unten“ kannte. Und ich war mir auch bewusst darüber, dass ich die ganzen Plakate nicht aus Eigennutz geklebt haben, sondern weil ich dem Kandidaten helfen wollte. Der Eigennutz liegt halt darin, dass mit diesem Kandidaten dann jemand im Landtag oder Bundestag sitzt, dessen politische Meinung ich teile. Von daher erwarte ich für die Arbeit dann auch nicht mehr als ein „Dankeschön“.

Und welche persönlichen Ziele verfolgst du in diesem Bereich?

Ich bin jetzt bei der Kommunalwahl auf Platz drei, da ist es einfach mein Ziel, mit der FDP in den Gemeinderat zu kommen. Und mit dem Studentischen Konvent will ich versuchen, das Verhältnis zwischen Gemeinde und Universität neu zu beleben. In den letzten Jahren wurde da nicht ausreichend geredet und dadurch sind auch viele Missverständnisse entstanden. Ich habe zum Beispiel mit dem Bürgermeister von Neubiberg gesprochen. Es war einfach unglaublich, wie viele Schnittmengen es da gab. An dem Punkt kann man ganz gut ansetzen, und ich denke, dass in der Verbindung Gemeinde-Universität unheimlich viel Potential steckt.

Das sind also die näheren Ziele, hast du irgendwelche Fernziele?

Also erst mal habe ich nicht das Ziel, sondern eher den Wunsch nach einem sicheren sozialen Stand. Und wenn ich weiß, ob ich aufgrund meiner politischen Arbeit im Gemeinderat hier in Neubiberg bleibe, dann möchte ich auch eine Familie gründen.

Wie interessant ist für dich die politische Arbeit nach der Bundeswehr?

Ja, ich sehe mich jetzt nicht als Mitglied des Bundestages. Der Gemeinderat ist da ein guter Ansatz, jeder Bundestagsabgeordnete wird bestätigen können, dass Kommunalpolitik eigentlich die entscheidende Politik ist, weil du einfach viel näher am Bürger dran bist. Wenn du sagst, die Gartenmauer soll jetzt 1,50 Meter hoch sein, dann dauert das keine zwei Tage, und du hast zehn Leute auf der Matte stehen, die das entweder gut oder eben schlecht finden. Während die Arbeit im Bundestag schon sehr abstrakt ist, hast du in der Gemeinde diese verstärkte Bürgernähe.

Wird die Arbeit im Gemeinderat in irgendeiner Form vergütet?

Ja, es gibt Aufwandsentschädigungen, aber die sind nicht so hoch, dass man davon leben könnte.

Hat sich schon mal jemand ausdrücklich bei dir bedankt?

Ja, natürlich. Letztes Jahr war ja das große Wahljahr, da habe ich auf Kommunalebene Wahlplakate erstellt oder vor kurzem erst die Website von der FDP in Neubiberg erneuert. Wenn dann jemand auf dich zukommt und „Danke, das ist gut geworden“ sagt, dann ist das eben der Lohn. Es bringt halt nichts, wenn du arbeitest und dann merkst, es gefällt eigentlich keinem.

Wie gehst du mit Undank um?

Irgendwann fragt man sich einfach, ob ich das jetzt noch so weitermachen soll, oder ob man sagt „Es macht keinen Sinn mehr“. Da kann man auch vom Politischen zum Soldatischen kommen. In Gesprächen mit Soldaten hört man auch oft raus, dass sie keine Resonanz aus der Bevölkerung bekommen. Du gehst in den Auslandseinsatz, nimmst all diesen Stress in Kauf und es dankt einem niemand. Wenn aber einfach mal eine positive Meldung in der Presse oder ein Dank aus der Bevölkerung käme, dann wäre das wahrscheinlich mehr Lohn als eine einfache Gehaltserhöhung.

Was müsste man tun, wenn man das erreichen wollte?

Entscheidend ist natürlich, dass so etwas nicht verordnet wird. Es muss etwas sein, das von Herzen kommt. Man muss einfach ein Bewusstsein dafür schaffen, was die Soldaten im Einsatz eigentlich machen. So etwas zu verordnen, würde die ganze Angelegenheit aber ad absurdum führen.

Lieber Stefan, vielen Dank für das Gespräch.

Nächste Woche: Der Münchener Schutzmann

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