Tatsächlich wird dieser Blog noch rezipiert
Der mittlerweile wohl berühmteste Artikel dieser Internetseite, Larsen Kempfs Überlegungen zur “Perfiden Politisierung der Sexualität“, hat’s vor Wochen schon in die Zeitschrift “Der Rechte Rand” (wo er mir zugesprochen wurde, sorry Larsen) und in die Wochenzeitung ZEIT geschafft. Das war nicht so erwähnenswert, weil weder lang noch klug.
Das hier aber – “Authentische Aversionen von rechts” – ist so verdammt lang, so elaboriert, so unglaublich… irgendwas, dass ich nicht drumrum komme, dafür diesen Blog für ein paar Tage zu reaktivieren.
Wer Stefan Broniowskis Text tatsächlich zu Ende gelesen haben sollte, der möge mir Bescheid geben, wie’s war. Vielleicht schaue ich dann auch mal rein.

Sehr geehrter Herr Böcker!
Um Ihnen für die (vielleicht lange) Wartezeit, bis jemand mein so unglaublich langes Elaborat gelesen und hat und Ihnen Bescheid gibt, etwas Kürzeres anzubieten:
http://bronioblog.blogspot.com/2011/12/lesehilfe-von-links-nicht-nur-fur.html
Der Text dort ist selbstverständlich auch für andere geeignete, die sich die Zeit für Ausführliches noch nicht nehmen konnten oder wollten.
Mit freundlichen Grüßen
Stefan Broniowski
Mit allerherzlichstem Dank.
Also am Schluß finde ich den Broniowski-Artikel ganz interessant, da mir der besagte Kühnen bislang kaum bekannt war.
Davon abgesehen: Der Artikel krankt schlicht daran, dass ein Blogeintrag keine Dissertation ist. Ein Blogeintrag gibt punktuell einige Gedanken zu einem Thema wieder.
Mir scheint die Herangehensweise von Hrn.Broniowski verkennt das grundsätzlich.
Nun, das wäre noch “verzeihlich”. Die Hauptprobleme sind m.M.n.
– diese stumpfe Voreingenommenheit und latente Aggressivität ggü. Texten aus anderen Lagern und
– das Festbeißen an provokant gewähltem Wording.
Wenn man dann noch mit einem gewissen Grad an Eifer ausgestattet ist, muss man am Text scheitern, so wie Broniowski an dieser Stelle mit seiner Interpretation gescheitert ist.
Und dann dieser Kühnen-Vergleich. Wäre Broniowski in seinem Blick auf “Rechte” ein Stück weit gelassener, dann hätte er auch noch andere Denkrichtungen finden können, die von “Indienststellung” sprechen.
Nö, ich habe keineswegs Blog-Eintrag und Dissertation verwechselt, sondern spaßeshalber sehr dünne Gedanken und recht dicke Worte ausführlich zerlegt. Gegen homophobes Geschwafel bin ich aus gutem Grunde sicher „voreingenommen“, aber eher spitz als stumpf. Dass ich mich ins wohl eher peinliche als provokante „wording“ (auf Deutsch: den Wortgebrauch?) verbissen hätte, sehe ich nicht. Gesagt ist gesagt, und man sollte mannhaft dazu stehen. Zum Glück sitze ich auch (noch?) in keinem Lager ein, habe also auch nicht unbedingt Problem mit Leuten, die sich selbst in eines eingewiesen haben. Eine Polemik ohne Eifer und mit Gelassenheit kann ich mir nicht so recht vorstellen. In einem aber haben Sie völlig Recht, Herr Böcker: Welche „Denkrichtungen“ noch in der Art von Kempf und Kühnen (und einst Blüher) von der politischen Funktionalisierung keuscher Homos phantasieren, das weiß ich nun tatsächlich nicht. Bitte klären Sie mich doch bei Gelegenheit auf!
Ach, Herr Broniowski. Sie haben wohl leider kaum verstanden, worum es mir ging und geht. Nehmen Sie den Artikel doch nicht persönlich – sondern versuchen Sie, diesen als gesellschaftskritische, pointierte Anmerkung zu lesen … dann können Sie ggf. auch die Parallelisierung von mir und Kühnen fallen lassen? Vielleicht aber klärt sich einiges im (moderierten) Gespräch?
Aber, aber, Herr Kempf, wo hätte ich Ihre Ausführungen denn persönlich genommen? Ich nahm sie als das, was sie mir scheinen: schwulenfeindlich und kenntnisarm. Aber vielleicht haben Sie ja die Güte, mir zu erklären, was ich falsch verstanden habe und wie ich es anders verstehen hätte sollen? (Die Parallele zu Kühnen drängt sich von der Sache her auf; was könnte ich da fallen lassen?)
Zu einem Gespräch bin ich, wie ich schon Herrn Böcker sagte, gern bereit. Sie wissen ja, wie Sie mich erreichen können.
Herr Broniowski.
Ich antworte Ihnen hier offen und direkt. Ich möchte Ihnen jenseits der Brachialität der von mir gewählten Worte, die tatsächlich nichts von dem sind, was Sie unterstellen, 3 Verständnishilfen geben – ggf. ergibt sich für Sie im Anschluss ein anderes Bild auf den Text. Versachlichung.
1. Die von mir geäußerte Kritik gilt dem Systemphänomen CSD (deswegen das gewaltige Wort der System-Krise), nicht dem einzelnen Homosexuellen. Wie käme ich dazu? Die Fettsetzungen im Text erfolgten übrigens keineswegs wahllos. Das Problem des CSD ist nicht die heutige Selbstverständlichkeit, homosexuell zu leben! Es geht um die Zerrbilder, das ‚andere’, das auf dem CSD zur Normalität erklärt werden soll, wie das damalige Motto auch suggeriert. Und diese Zurechtdeutung ist links.
2. Die alltäglichen Aversionen richten sich vorwiegend gegen DAS Schwule, nicht DEN Schwulen. Es sind die Reaktionen der einfachen Menschen. Sie sind als intuitive Ahnung (im Text: Bewusstsein) zu deuten, dass aus schwulen Beziehungen keine Kinder hervorgehen, und sie insoweit keinen unmittelbaren Beitrag zum Fortbestand der Gesellschaft leisten. Das ist das von mir beschriebene Krisen-SYMPTOM. Wie Sie daraus eine ‚Gefährdung der Gesellschaft’ deduzieren konnten, bleibt mir ein großes Rätsel.
3. Wie also die ethisch richtige Haltung der Homosexuellen – aus meiner Sicht? Die Parallelisierung zum Priestertum gibt eine Richtung vor. Kinderlosigkeit – vermutlich das bessere Wort anstelle von Ehelosigkeit, zugegeben – bedeutet Freizeitgewinn. Dieser Gewinn kann für die Gesellschaft fruchtbar gemacht werden, der Homosexuelle kann sich also für die Gesellschaft in Dienst stellen lassen. In ganz unterschiedlichen Formen – nur eben bitte nicht durch Veranstaltungen eines CSD, auf dem sich allerlei auf den „Paradewägen“ tummelt, nur kein ernst zu nehmender Geschäftspartner, Publizist oder Wissenschaftler.
Vieles gäbe es noch zu sagen. Ich verzichte darauf!
Larsen Kempf
Sehr geehrter Herr Kempf, Offenheit und Direktheit sind durchaus begrüßenswerte Haltungen, ich fürchte aber, dass wir Platz (und Funktion) des Kommentarbereiches überstrapazieren müssten, wollten wir hier unser Gespräch über Unklares und vielleicht Klärbares führen. Ich schlage darum vor, dass wir zunächst im direkten und offenen Mailverkehr unsere, wie es scheint, wechselseitigen Miss- und Unverständnisse bearbeiten und erst dann, wenn wir den Eindruck haben, dass das für die Öffentlichkeit interessant ist, uns an diese wenden.
Ich muss gestehen, dass Ihre drei Verständnishilfen für mich leider keine sind, sondern nur immer neue Fragen aufwerfen. Den von Ihnen anvisierten Argumentationsgang meine ich ja durchaus verstanden zu haben, wie ich in meinem ausführlichen Kommentar Ihres Blogbeitrages bereits dargelegt zu ahben meine. Nur die Gründe für Ihre Tatsachenbehauptungen und Wertungen verbleiben für mich völlig im Dunklen.
Der Fragen sind für mich viele, und ich wünschte wirklich, Sie könnten sich entschließen, nicht darauf zu verzichten, sie mir zu beantworten. (Wie gesagt: nicht unbedingt hier.) Um Ihnen Beispiele für Fragen zu geben, die sich mir im Sinne der auch von Ihnen gewünschten Versachlichung stellen:
Woher beziehen Sie Ihr Wissen über CSD-Veranstaltungen? An wie vielen derartigen Paraden haben Sie (als Beobachter, nehme ich an) teilgenommen? Wie viele aktive Teilnehmer kennen Sie auch nur so gut, um über sie (nämlich etwa darüber, ob sie ernst zu nehmen sind) urteilen zu können? Welche homosexuellen Geschäftspartner, Publizisten oder Wissenschaftler, die sich nicht auf den Wagen tummeln, nehmen Sie ernst? Inwiefern halten Sie die CSD-Umzüge für links? (Bzgl. einer linken Kritik am in Wahrheit höchst bürgerlichen Paradieren verweise ich auf meine 1997, 1998 und 2001 publizierten Zeitungsartikel zu diesem Thema, die ich auch auf meiner Website http://www.broniowski.at dokumentiere.)
[...] Kempferisches… | Das Gespräch sagt: 1. Dezember 2011 um 16:20 [...]