“Den Großteil der anwesenden Studenten würde ich links einordnen.”

18. November 2009 § 0 - von Felix Springer

Kristofer Herbers von den Besetzern der LMU in München im Gespräch

Beim ersten Betreten der besetzten Ludwigs-Maximilian-Universität (LMU) bestätigen sich zuerst einmal meine mitgebrachten Vorurteile: Langhaarige, unrasierte Gestalten agitieren zwischen selbst gebastelten Transparenten und Bierflaschen. An einem unaufgeräumten Infotisch sitzen zwei, drei Studenten mit Laptops und langweilen sich. Die Suche nach einem Interviewpartner gestaltet sich schwierig: Die Besetzer sind basisdemokratisch organisiert, es gibt niemanden, der zur Presse im Namen aller sprechen darf. Ich begebe mich ins Audimax und bitte darum, ein paar Fotos machen zu dürfen. Man soll aufpassen, niemanden gegen seinen Willen zu fotografieren – am besten nur von hinten, so, dass man keine Gesichter sieht. Es gibt einige Arbeitsgruppen mit festgelegten Aufgabengebieten. So etwa die AG Mobilisierung, die AG Inhalt und auch die AG Presse. Letztere hat ein Pressetelefon eingerichtet. Nach kurzer Absprache treffe ich mich mit einem Mitglied der AG Presse und wir setzen uns zum Gespräch in einem nahe gelegenen Restaurant zusammen.

Mein Interviewpartner ist Kristofer Herbers, 22 Jahre alt, studiert im siebenten Semester Politikwissenschaft an der LMU und entspricht meinen Vorurteilen überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er trägt kurze Haare und Brille, spricht in ganzen Sätzen und überlegt kurz, bevor er spricht. Er erklärt, dass hinter der Besetzung der LMU keine Organisation steht, die Ziele der Besetzer sich aber denen der „Bildungsstreik“-Organisation gleichen. Vor Beginn des Gesprächs betont er, kein offizieller Sprecher der Besetzer zu sein, denn so etwas gäbe es nicht. Auskunftsfähig ist er trotzdem:

Ihr protestiert also gegen die Art der Umsetzung des Bologna-Prozesses?

Ja. Wir sind nicht per se gegen den Bologna-Prozess, sondern gegen die Fehler, die in der Umsetzung gemacht wurden.

Welche Fehler wurden denn dabei gemacht?

Hier erzähle ich immer gern eine Anekdote: Als jemand, der Politikwissenschaft studiert, aus Regensburg nach München wechseln wollte, konnte er sich einige bereits belegte Lehrveranstaltungen nicht anrechnen lassen, weil der Modulname anders war. Die Inhalte waren zwar dieselben, die Namen waren aber verschieden und so war die Anrechenbarkeit nicht gegeben. Dies spricht eindeutig für uns, wenn wir sagen, dass die Ziele des Bologna-Prozesses nicht erreicht worden sind. Zum Beispiel das Versprechen, dass mehr Mobilität gegeben sein soll.

Das heißt also, ihr protestiert dagegen, dass die Umsetzung zu bürokratisch ist und die Vorgaben zu eng gestrickt sind?

Das auch. Wenn man sich allein mal anschaut, was die Leute für Prüfungspläne haben. Das widerspricht unserer Idee des Studiums, wonach Studium nicht nur das sture Befolgen von Lehrplänen sein sollte, sondern auch die persönliche Entwicklung berücksichtigen sollte. Wenn man als Politikstudent den Magisterstudiengang angefangen hat, hatte man so um die 40 Nebenfächer zur Auswahl – als Bachelor hat man, glaube ich, fünf oder so.

Ihr protestiert also auch gegen die mangelnde Freiheit im Studium?

Genau. Das ist auch einer unserer Hauptkritikpunkte am Bachelor. Es gibt einfach keine Entfaltungsmöglichkeiten, es ist das sture Befolgen eines Lehrplanes.

Ziel des Bologna-Prozesses war ja die Internationalisierung des Studiums. Das bedeutet ja die Schaffung internationaler Standards, also Normsetzung. Glaubst du nicht, dass es unumgänglich ist, die Freiheit des Einzelnen im Zuge der Internationalisierung einzuschränken?

Hier kann ich jetzt wirklich nur für mich sprechen, das ist auch unter uns ein großer Streitpunkt. Ich frage mich hier: Warum muss man da die persönliche Freiheit einschränken, um ein System einzuführen, von dem die Amerikaner gerade überlegen, ob sie es wieder verwerfen? Die Amerikaner überlegen, zurück zum Diplom zu gehen, weil es mehr Freiheiten bietet. Warum müssen wir uns dann an den Bachelor anpassen und unsere Freiheiten beschneiden? Warum kann man nicht stattdessen ein System schaffen, wo die Anrechenbarkeit besser gegeben ist, mit besserer Kombinierbarkeit der Nebenfächer. Das alles ist ja nichts, was einer Internationalisierung grundsätzlich im Wege steht. Das funktioniert ja zum Beispiel in England.

Das heißt, ihr protestiert gegen eine falsche Umsetzung des internationalistischen Geistes und wollt eine bessere Umsetzung derselben Idee?

Genau das. Sicher würden hier einige im Plenum widersprechen und eine Rückkehr zum Diplom und Magister fordern, aber ich sage, dass nicht die Idee der Reform das Problem war, sondern die Umsetzung. Die Ziele, die Versprechungen, die man gemacht hat, sind nicht erreicht, nicht eingehalten worden. Vor allem die internationale Vergleichbarkeit ist einfach nicht gegeben. Ein Politik-Studium in Frankreich hat immer noch komplett andere Inhalte als in Deutschland. Es gibt keine einheitliche Linie in der Bildung.

Ihr haltet also an der internationalistischen Idee fest. Ist dieser Internationalismus nicht eine genuin linke Forderung?  Seid ihr also nicht doch eine tendenziell links gerichtete Bewegung?

Das Wort „links“ wird leider in einigen Kreisen auch bei uns an der Uni schon als Schimpfwort benutzt. Aber in einem Zeitalter, in dem wirklich die gesamte Politik Globalisierung predigt, funktioniert große Politik nur noch im europäischen oder globalen Rahmen. Das ist doch längst keine linke Forderung mehr, dass man international denkt. Das ist doch längst Konsens geworden. Ich würde zum Beispiel die CDU oder FDP nicht als links ansehen, trotzdem sind sie garantiert keine Globalisierungsgegner.

Themawechsel. Ihr fordert ja die „soziale Öffnung“ der Universität, „Bildung für alle“, die „Überwindung sozialer Schranken“. Was entgegnet ihr dem Einwand, dass dies die Vermassung der Bildung, die „Massenabfertigung“ an der Uni noch verstärken wird?

Also eine „Vermassung der Bildung“ gibt es nicht. Man kann nicht genug Bildung haben. Wenn man wirklich eine Selektion einführen sollte, dann sollte diese über das Fachliche laufen und nicht von vornherein durch soziale Ungerechtigkeit. Das ist ja teilweise schon länger so: wenn man eine Prüfung zum drittem Mal nicht besteht, ist das Studium eben beendet. Aber das schließt auf der Basis der Leistung aus, nicht auf der Basis der sozialen Fragen. Dann kann man auch, wenn man keine 500 Euro im Semester aufbringen kann, studieren.

Das klingt nach der Rückkehr zum Leistungsprinzip.

(lacht) Hier kann ich wieder mal nur für mich sprechen. Natürlich sollte Universität fordernd sein. Wenn wir damit aufhören, Leistung zu fordern, dann kommen wir zu Studienabschlüssen, die nichts mehr wert sind. Leistung zu fordern war aber schon immer ein Anspruch der Universität.

Du bist der Frage ausgewichen. Kann man die Forderung nach der „sozialen Öffnung“ der Universität als die Forderung nach der Rückkehr zum Leistungsprinzip verstehen?

Also für mich persönlich: Ja, Selektion sollte nach Leistung geschehen.

Aber es ist ja möglich, Selektion nach Leistung nicht an, sondern bereits vor der Universität durchzuführen. Zum Beispiel bei den Zulassungsbeschränkungen für das Abitur. Das ist im Wesentlichen ja das, was heute gemacht wird.

Das ist meiner Meinung nach eine vollkommen legitime Forderung. Uns geht es um die Einschränkungen für Leute, die aus sozial schwächeren Klassen kommen. Ich bin auch wirklich für Aufnahmetest an den Universitäten. Anstatt zu sagen: „Wir nehmen so viele wie geht und sieben dann im ersten Semester aus.“ – da verlieren Leute Zeit – sollte man direkt einen Eignungstest machen und die ungeeigneten Bewerber schon im Vorfeld aussortieren.

Der Protest hier wird ja von Leuten getragen, die bereits studieren, bei denen also soziale Faktoren die Aufnahme eines Studiums nicht verhindert haben. Die stehen ja eigentlich auf der Gewinnerseite des jetzigen Systems. Da sieht der Protest von außen ja richtig altruistisch aus. Die Frage muss erlaubt sein: Für wen protestiert ihr hier eigentlich – tatsächlich für die sozial Benachteiligten oder für euch selbst?

Also es ist schon Solidarität mit den sozial Benachteiligten da. Ganz eindeutig. Das ist jetzt wahrscheinlich wieder eine genuin linke Forderung. Ich sage mal so ganz allgemein dazu: Persönlich hätte ich es nicht nötig, hier zu sitzen. Ich habe keine Probleme damit, meine Semestergebühren zu zahlen und habe durch meine Eltern eine gute Wohnung hier. Ich habe keine Probleme in dieser Hinsicht. Aber ich bin hier, weil ich mich persönlich dafür einsetze, dass das Bildungssystem nicht sozial ungerecht sein darf. Bildung ist ein Grundrecht! Das darf nicht aufgrund sozialer Fragen jemandem verwehrt bleiben.

Woraus leitet sich dieses „Recht auf Bildung“ ab?

Ich weiß es jetzt leider nicht ganz genau – das steht in einem der EU-Grundsatzverträge. Da steht das Recht auf Bildung, allerdings leider nicht das Recht auf freie Bildung.

Meine Frage sollte eigentlich auf etwas anderes abzielen. Meine Frage war eigentlich: Woraus leitet sich das „Recht auf Bildung“ geistesgeschichtlich ab?

Da muss ich jetzt wirklich überlegen. Aber ich sage mal so: Bei der Schaffung des Schulsystems in Deutschland war es ja das erklärte Ziel, jedem Bildung zu ermöglichen. „Ausbildung für alle“ – für mich ist das „Recht auf Bildung“ die logische Konsequenz aus diesem Anspruch. Gerade heute – wo die Bildung immer wichtiger wird und sogar viele Ausbildungsbetriebe jemanden mit Abitur erwarten – muss das heißen, dass man immer mehr Leuten das Abitur und den Zugang zur Universität ermöglichen sollte.

Auf einem Plakat im Audimax steht: „Kein Gott, kein Staat, kein Rektorat!“. Wie passt es zusammen, dass man den Staat – zumindest polemisch – negiert und gleichzeitig von ihm erwartet, ein „Recht auf Bildung“ zu garantieren?

Dieses Plakat wurde heute nach der Demo von einigen Schülern auf eigene Faust aufgehängt. Ich weiß nicht, warum es da noch hängt. Das ist eine Forderung, die nicht das Plenum vertritt. Ich meinte bereits, dass es abgehängt werden sollte, bin dann aber in Konflikt geraten, mit denen, die es aufgehängt haben. Das ist keine Forderung von uns.

Der Streik ist ja eigentlich die Weigerung der Leistungserbringung. „Bildungsstreik“ heißt jetzt aber die Weigerung der Inanspruchnahme von Dienstleistung. Wie ist hier eure Sichtweise?

Ich sehe das anders. Ich selbst besuche weiterhin sämtliche Kurse, die ich diesem Semester gewählt habe. Ich demonstriere, aber ich blockiere nicht. Wir rufen niemanden dazu auf, seine Vorlesungen zu boykottieren. Immer wieder kommt der Vorwurf, dass wir im Audimax blockieren würden. Dazu möchte ich sagen, dass wir von der Hochschulleitung geduldet sind und mit dieser im ständigen Kontakt stehen. Jede Vorlesung, bei der das angefragt wird, bekommt Ausweichplätze zu Verfügung gestellt. Zum Beispiel wurde heute eine Veranstaltung der Wirtschaftswissenschaftler in die große Aula verlegt. Andere Dozenten zeigen sich sehr einsichtig und nutzen zum Beispiel Webcams für ihre Vorlesungen. Wir wollen niemandem das Recht auf Bildung verweigern. Wir arbeiten daran, dass wegen uns keine Vorlesungen ausfallen müssen.

Ihr unterstützt auch Anliegen, die eigentlich außerhalb der Bildungspolitik liegen. Ihr verfolgt also so etwas wie einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz. Ist das richtig?

Wir sagen, dass man Bildung nicht aus dem gesellschaftspolitischen Umfeld reißen darf. Das klingt schön, sagt erst einmal wenig. Wir sind ein freies Plenum, in dem jeder Student seine Meinung sagen und abstimmen darf. Wenn dieses oder jenes Thema von genügend Studenten unterstützt wird, nehmen wir es in den Forderungskatalog auf, das ist unser basisdemokratisches Prinzip. Daran wird auch Kritik geäußert. Die Kernforderungen beschränken sich aber dennoch auf den Bildungsbereich.

Auf der Netzpräsenz des Bildungsstreiks wird auf die linksextremistische Organisation „Rote Hilfe“ verwiesen und um Spenden für diese gebeten. Wie ist das zu erklären?

Das ist deshalb so, weil wir von diesen Leuten selber Hilfe erhalten. Sie gewähren uns Rechtsschutz, sollte es zu Übergriffen der Polizei kommen. Es ist zwar bisher friedlich geblieben, aber wenn es zu Zwischenfällen kommt, haben diese Leute angeboten, uns zu helfen. Im Plenum wurde durch demokratischen Beschluss entschieden, diese Hilfe anzunehmen. Wir haben leider keine weiteren Angebote der Rechtshilfe erhalten.

Deine persönliche Prognose: Würde die nationaldemokratische Partei euch gleichwertige oder noch bessere Hilfe anbieten, würdet ihr die auch annehmen?

Würden wir nicht, nein. Das Plenum ist tendenziell links besetzt, das ist nun mal so. Aber es ist nicht radikal links. Den Großteil der anwesenden Studenten würde ich links einordnen, ja, aber halt nicht radikal links. Es mag sein, dass die „Rote Hilfe“ weit links einzuordnen ist, aber wir vertreten keine linksextremistischen Ansichten. Oder: Wir versuchen es zumindest zu vermeiden.

Tagsüber war das Plenum nur sehr dürftig besetzt, gegen Abend schätze ich aber zwischen 800 und 1000 Anwesende. Aber auch das ist ja insgesamt nur ein sehr kleiner Teil der Studentenschaft. Was glaubst du, wie repräsentativ seid ihr, wie viele der Studenten sind auf eurer Seite?

Der weitaus größere Teil. Viele Leute sind mit unseren Zielen d’accord, stoßen sich aber an der Art, wie der Protest gemacht wird. Oder sie haben schlichtweg keine Zeit. Es gibt auch einfach viele Leute, die es bequemer finden, sich zu Hause an den Computer zu setzten und ihre Forderungen ins Internet zu stellen, als Demokratie zu machen. Es ist schon bewundernswert, den größten Hörsaal, den die LMU zu bieten hat, voll zu kriegen mit Leuten, die Demokratie machen. 10000 Leute sind heute die Leopoldstraße entlang marschiert und haben für freie Bildung protestiert. Das ist keine kleine Minderheit mehr. Im Audimax selber ist das nur eine kleine Minderheit, das gebe ich zu. Aber wie gesagt: Wir haben ein offenes Plenum. Sollte die Mehrheit tatsächlich gegen unsere Forderungen sein, sind sie jederzeit eingeladen, reinzukommen und auch die Besetzung zu beenden. Wir machen jedes Mal im Plenum die Abstimmung, ob wir die Besetzung beenden sollen und ich habe bisher keine ernst gemeinte Gegenstimme gesehen. Rein empirisch betrachtet: Wenn wir nicht die Mehrheit wären, müsste doch ein mindestens ebenso großer Teil gegen die Besetzung da sein, oder gegen uns argumentieren. Aber sie tun’s nicht. Und wir laden sie wirklich ein. Jeder darf ans Mikrofon, jeder darf seine Meinung sagen. Da ich noch keine Gegenstimmen gesehen habe, bin ich der Überzeugung, dass der Großteil der Studenten eher schweigend mit uns sympathisiert als schweigend gegen uns ist.

Kristofer Herbers, vielen Dank für das Gespräch.

Schlagworte: , , , , , ,

§ Eine Antwort hinterlassen

Worum geht's?

Sie lesen gerade “Den Großteil der anwesenden Studenten würde ich links einordnen.” auf Das Gespräch.

meta: