“Ich will eine Spur ziehen. Mit aller Kraft und gegen jeden Widerstand. “

31. Oktober 2009 § 7 - von Martin J.G. Böcker

Götz Kubitschek im Gespräch

Ich komme zu spät zum Interview-Termin. Nach der Autobahn-Abfahrt bin ich knapp eine halbe Stunde über Landstraßen und durch Dörfer geirrt, um dann doch noch nach Schnellroda zu finden: Irgendein Dorf, irgendwo in Sachsen-Anhalt. Als ich an der Tür des ziemlich großen, ziemlich alten Hauses klingle, reagiert niemand. Ich klingle nochmal. Keine Reaktion.

Also gehe ich hinter das Haus und da sitzt er dann. Im Garten mit den sechs Kindern, der Frau, den Schwiegereltern. Beim Abendbrot. Eine Minute später sitze ich mit am Tisch, kaue an einem Butterbrot und habe eine Tasse Kaffee in der Hand.

Das ist also der Mitbegründer des Instituts für Staatspolitik, den Bernd Rabehl gar “mit seinem Jugendfreund und Weggefährten  Rudi Dutschke” vergleicht. Hier ist also der Sitz des Verlags Edition Antaios. Hier entsteht also das rechtsintellektuelle Independent-Magazin Sezession. Erst plaudern wir ein bisschen, dann müssen die Kinder ins Bett, dann finden wir Zeit für ein Gespräch.

Als Sie 2000 den Verlag gegründet haben, was für ein Typ waren Sie damals? Beziehungsweise: Was war damals anders als heute?

Ich bin mir in vielerlei Hinsicht immer gleich geblieben, schon seit der Schulzeit eigentlich. Der Kernpunkt ist, auf Gedeih und Verderb nach einem eigenen Gesetz zu leben. Es gibt da den berühmten Vers aus Goethes „Urworte orphisch“: „Nach dem Gesetz, nach dem du angetreten, so musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen.“ Ich wäre ein unglücklicher Mensch, wenn ich unter den gegeben Umständen nicht das machen könnte, was ich selbst für richtig halte.

Und wie haben Sie herausgefunden, was Ihr eigenes Gesetz ist?

Ich war schon 30, als ich meinen Verlag gegründet habe. Davor habe ich ziemlich viel erlebt. Im Vergleich zur Generation meiner Großeltern habe ich natürlich nichts erlebt. Aber im Vergleich zu vielen Klassenkameraden oder vielen anderen Leuten, die so wie ich heute beinahe 40 sind, habe ich eben doch viel erlebt. Das beginnt in der Schulzeit mit dem organisierten Widerstand gegen die erste McDonald-Filiale vor Ort, geht weiter mit dem Militärdienst bei der kleinen, aber feinen Fernspäh-Truppe. Dieser Dienst mündete in den Bosnien-Einsatz, dazwischen lagen die Mitarbeit an einem Entwicklungshilfe-Einsatz in Kamerun und eine intensive bündische Phase mit Fahrten nach Rumänien, wo es galt, alten deutschen Bauern zu helfen. Und dann ist da die ganze politische Arbeit, etwa für die Junge Freiheit, auch viel auf der Straße beim Verteilen an den Universitäten und den unausweichlichen Schlägereien, bis hin zu einem unter Reservisten organisierten Widerstand gegen die Wehrmachtausstellung. Was ist also das Gesetz? Vielleicht so: Wo man nicht dienen kann, muss man widerständig sein.

Jetzt haben Sie ihr eigenes Gesetz gefunden und können danach leben. Wie soll das aussehen, wenn auf einmal alle Menschen ihr eigenes Gesetz entdecken würden? Denken Sie nicht, dass das in die Hose gehen würde?

Das ist ein theoretisches Problem. Es gibt immer einen großen Prozentsatz, der gar nicht nach einem eigenen Gesetz leben möchte. Ich denke aber wiederum, dass unsere Zeit auch daran krankt, dass die Leute eine bestimmte soziale und finanzielle Sicherheit über das stellen, was ich jetzt zum Beispiel als das eigene Gewissen oder das eigene innere Gesetz bezeichnen würde. Ich halte viel vom Staat, von guten Institutionen, von der Ordnung, von der Hierarchie. Wäre unser Staat einer, der dem Gedeihen unseres Volkes zuträglich wäre, würde ich dienen. In solch einem Staat wäre ich entweder Lehrer oder Offizier. Aber ich bin nicht bereit zu dienen, wenn ich merke, dass die, die uns führen, überhaupt nicht dazu berufen sind. Und das sehe ich eben in mehr und mehr Bereichen: Man wird von Funktionären geführt, die nicht berufen sind und noch nicht einmal im technokratischen Sinne ihr Handwerk verstehen.

Und woran machen Sie fest, dass jemand berufen ist?

Das Berufensein ist die Verbindung zwischen fachlichem Können, echter Autorität, richtigem Amtsverständnis und tragfähiger Selbsterkenntnis. Und vor allem: völlige Abwesenheit von Zynismus. Wer Macht hat, soll sagen, dass er sie nutzt; wer Entscheidungen treffen muss, soll nicht sagen, dass er sich selbstverständlich dem Bauchgefühl der Mehrheit beugen wird. Unsere politische Führungsriege behauptet, dass sie von der Werthaftigkeit der demokratischen Entscheidungsprozesse überzeugt ist und dass jeder Einzelne in seiner Mündigkeit ernst genommen wird. Aber das ist eine Kulisse. Der Umgang mit dem eigenen Volk ist zynisch.

Was halten Sie von Menschen, die es nicht schaffen, nach ihren eigenen Gesetzen leben?

Von denen halte ich genau so viel, wie von denjenigen, die nach ihrem eigenen Gesetz leben – sie sind zunächst, wie sie sind. Da gibt es keine Wertung. Aber es gibt Menschen, die beschenkt oder begnadet sind, und die aufgrund mangelnder Disziplin und Straffheit weit unterhalb einer Entwicklungsstufe bleiben, die sie erreichen könnten. Dafür habe ich nicht viel Verständnis. Und mein Verständnis nimmt weiter ab, wenn derart träge Menschen dennoch versuchen, über alles und jeden eine Meinung zu äußern.

Bilden die Menschen, die nicht nach ihren eigenen Gesetzen leben, die Masse, von der Sie häufig sprechen?

Im Prinzip: Ja. Masse: Das ist ja eine spontan geformte Menge Leute, die eben zur Masse wird, wenn es etwas gibt, das sie für diesen Moment auf einen Punkt hin ausrichtet. Aber: Man muss sich ausrichten lassen, und je stärker das innere Gesetz, der innere Maßstab sind, desto schwieriger wird es, jemanden in eine Masse hinein zu vereinnahmen. Er wird immer prüfen, was mit ihm geschieht, er wird seinen eigenen Maßstab anlegen.

Ist es das, was Sie meinen, wenn Sie sich selbst als Wahrnehmungselite beschreiben? Ich habe den Eindruck, dass Sie sich über diese Masse erheben. Haben Sie ein Überlegenheitsgefühl?

Ja, natürlich. Ich glaube, das ist etwas ganz Normales. Ein Beispiel: Ich mache mir mit meiner Frau gründlich Gedanken, wen ich wähle und ob ich überhaupt wählen gehe. Wenn ich dann beim Verlassen des Wahllokals feststelle, dass das Alkoholikerpärchen aus dem Ort meine Stimme egalisiert, dann wird mir automatisch das Absurde der Situation klar. Wenn Sie feststellen, dass Sie diesen Personen in fast allen Belangen überlegen sind, dann können Sie gegen das Gefühl dieser Überlegenheit gar nichts tun. Eine ganz andere Frage ist, was man daraus macht: Wenn es dazu führt, dass man sich verantwortlich für das Ganze fühlt, dann ist es gut. Wenn man alltagsverächtlich wird, dann ist es schlecht. jedenfalls aber: Das Wissen um die eigene Überlegenheit, das ist etwas, wovon sich kein halbwegs intelligenter und auf seine eigene Kraft vertrauender Mensch frei sprechen kann – wenn er ehrlich ist.

Würden Sie Stimmen gewichten?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe dabei auch kein schlechtes Gefühl. Ich bin mir nur nicht sicher, wie ich es gewichten würde. Ich würde jetzt nicht so weit gehen und sagen, jeder der ein abgeschlossenes Hochschulstudium hat, bekommt drei Stimmen. Aber Eigentum oder Kinderzahl könnten schon Kriterien sein. Ich muss aber auch sofort zugeben, dass ich über die Praxis noch nicht gründlich nachgedacht habe. Aber ich halte diesen Gedanken für völlig legitim. Und ich glaube, Sie könnten leicht in der Grünenfraktion oder in der SPD Leute finden, denen ähnliches vorschwebt, nur nach anderen Kriterien. Dort sagt man vielleicht eher: Wer Angehöriger einer rechten Subkultur in den neuen Ländern ist, der kann eigentlich gar kein Stimmrecht haben. Der ist ja so unmündig, so weit von dem entfernt, was die Zivilgesellschaft für reif hält, dass der eigentlich gar nicht abstimmen kann.

Wünschen Sie sich auch ein anderes System? Oder könnten Sie sich in der Grundgesetz-BRD einrichten?

Ich antworte jetzt genau so vorsichtig, wie ich es meine: Ich bin überzeugt, dass es so, wie es läuft, nicht weiter gehen kann. Wenn es so weiter geht, dann wird unser Land in 20 Jahren – einfach aufgrund der harten Fakten – am Ende sein. Das meine ich demographisch, das meine ich im Bereich der Überfremdung, das meine ich im finanziellen, wirtschaftlichen Bereich und vor allem in einem urdeutschen Bereich: dem der Volksbildung, der breiten Anhebung des kulturellen Niveaus. Es muss irgendeine Lösung her. Und wenn sie nicht kommt, also qua Entscheidung kommt, dann wird sie einfach irgendwie kommen. Und dieses Irgendwie, das sind Zustände, die ich mir lieber nicht vorstelle.

Jetzt der vorsichtigen Aussage zweiter Teil: Ich bin nicht in der Lage, eine Lösung zu formulieren. Ich kann maximal eine Bestandsaufnahme machen, ich kann prognostizieren, bin aber nicht in der Lage, einen wirklich durchdachten Vorschlag zu machen. Deswegen bin ich auch ein Gegner der Systemfrage vom Sofa aus. Ich denke, dass eine formierende Massenpolitik – und um nichts anderes geht es – unkalkulierbare Kräfte freisetzt. Sie zu kontrollieren, bedürfte es einer wahrhaft heroischen Gestalt, einer Jahrhundertfigur.

Können Sie da einen Typ als Beispiel nennen?

Nur die negative Ikone schlechthin: Hitler. Er hat die Systemfrage gestellt. Er hat auf eine ganz radikale Art Massenpolitik betrieben, zunächst schlafwandlerisch sicher nach innen, und dann auch irgendwann nach außen. Sie wissen genauso gut wie ich, zu welchem Preis und mit welch mörderischen Ausschlusskriterien er die Massenintegration betrieb. Sie wissen aber auch, dass es die Kraftbündelung der halben Welt bedurfte, um die militärische Potenz niederzuringen, die in unserem Volk freigesetzt worden war.

Haben Sie Angst davor, dass wieder so einer kommt, wenn die Krise groß genug ist? Egal ob rot oder braun?

Also – das ist eine schwierige Frage. Nein, ich habe keine Angst davor. Es käme ja einfach, und wir hätten darin zu leben. Innerhalb eines solchen Systemwechsels, einer solchen Zeitenwende gibt es doch für jeden Einzelnen immer die Möglichkeit, sich zu positionieren. Das hat auch wieder etwas mit dem eigenen Gesetz zu tun, mit einem inneren Maßstab. Ich muss sagen: Der Verrottung zuzusehen, der wir derzeit beiwohnen müssen, ist nicht minder beängstigend. Dass der Mensch sich einmal selbst bei lebendigem Leibe kompostieren würde: Das schockiert mich immer wieder.

Ich war vor zehn Jahren noch davon überzeugt, dass wir in die Lage versetzt sein könnten, unser Volk zu retten, also wirklich jeden einzelnen mitzunehmen – egal, wie dumm oder unselbstständig er ist. Wir heben ihn immer ein bisschen höher, irgendetwas kann jeder, und so ist er dabei, wird gebraucht, kann eine Aufgabe ausführen. Aber das habe ich aufgegeben, so pädagogisch bin ich nicht mehr: Wenn das einer ernsthaft anpackte, dann gliche seine Methode mittlerweile einem Erziehungslager.

Und es geht Ihnen auch darum, für die zukünftigen Generationen zu sagen: Wir machen da nicht mit. Aber wen wird das interessieren? Wer ist Ihre Zielgruppe für dieses „Wir aber nicht“?

Die Zielgruppe bin zunächst mal ich selbst. Man sagt: Ich nicht. Ich war nicht dabei, ich habe es anders gemacht, ich habe es gezeigt, ich habe es geäußert, ich habe anders gelebt, ich habe mich daran nicht beteiligt. Da bin ich als Verleger, als Publizist, als metapolitisch tätiger Mensch in einem ständigen Prozess der Selbstvergewisserung: Ich rette mich sozusagen Tag für Tag selbst. Das ist das Minimum, wenigstens das sollte mir gelingen. Auch anderen. Es geht in einem zweiten Kreis um Leute, die überhaupt bereit sind, sich an der Eroberung einer neuen Perspektive zu beteiligen. Man muss die Dinge neu sehen wollen, und dann muss man sich die Begriffe suchen, die zu dieser neuen Perspektive passen, muss sie prüfen, durchsetzen, verbreiten gegen alle Widerstände. Ein abendfüllendes Programm, Metapolitik. Und ich will gleich hinzufügen, dass es innerhalb des politischen Milieus, in dem ich mich bewege, sehr viele gibt, die nicht bereit sind, sich anzustrengen und die Gesinnung mit Wissen und Können verwechseln. Viele denken, dass es schon reicht, die richtige Gesinnung zu haben, dass das sozusagen Argument genug ist. Und das ist natürlich unter geistig regen Menschen überhaupt nicht genug.

Was fehlt dann noch?

Die Redlichkeit: Auch die rechte Sicht auf die Dinge ist nur eine Sicht, die ergänzt werden muss. Ich kann Rechte nicht verstehen, die aus dem Leben eine furchtbar eindimensionale Angelegenheit machen.

Wie meinen Sie das mit der „furchtbar eindimensionalen Angelegenheit“?

Das ist das, was Armin Mohler als einen Baustein seiner Lehre hinterlassen hat. Die Welt geht nicht auf, sie ist nicht logisch geordnet, nicht durchschaubar, sondern komplex. Wir müssen wissen, dass wir selbst nur eine Perspektive von vielen möglichen Perspektiven einnehmen. Das bedeutet, dass wir den Anderen lassen müssen. Wir müssen ihn lassen können. Ich schaue zwar, dass ich mich selbst so plastisch wie möglich rausmodelliere und zeige, wer ich bin, welche Überzeugungen ich habe, und warum ich so bin wie ich bin. Und ich will mich natürlich durchsetzen, will meine Paradigmen zur Geltung bringen. Aber nicht um jeden Preis. Denn die Reduzierung auf eine Perspektive würde dem Leben eben nicht gerecht.

Wie macht sich dann die „Temperaturerhöhung“, von der Sie wie Ernst Jünger und Armin Mohler sprechen, bei Ihnen bemerkbar?

In dem Drang, etwas tun zu müssen, also einen expressiven Charakter zu haben, sich ausdrücken zu müssen. Ob das jetzt publizistisch ist, oder in einer Bau- und Formungswut mündet, die beispielsweise im eigenen Garten oder im Haus oder meinethalben auch in der Struktur oder Organisation unserer Projekte liegt. Dort wirklich zu sagen: Ich will eine Spur ziehen. Mit aller Kraft und gegen jeden Widerstand. Die Spur muss sichtbar sein. Es gibt da einen schönen Vers: „Wo ich geh’, wo ich steh’, wo ich bin ist Glück. Wo ich war, bleibt eine Schneise umgepflügten Lands zurück.“ Das ist schon so.

Und dafür haben Sie dann die „konservativ-subversiven Aktionen“ veranstaltet.

Auch. Das ist ein Instrument und hat immer zwei oder drei verschiedene Aspekte. Und wenn der eine Aspekt der ist, dass wir überhaupt für Öffentlichkeit sorgen, sozusagen PR machen, dann stehen auf der anderen Seite die ichbezogenen, expressiven Motive, von denen ich schon sprach: Solche Aktionen sind ein möglicher Ausdruck der eigenen Temperaturerhöhung und des Drangs, mit aller Kraft zu zeigen, dass es mich und uns gibt. Nach einer gelungenen Aktion musste man uns wahrnehmen, das haben wir einfach durchgesetzt, das hat an der Humboldt-Uni oder bei Grass oder vor dem Wandbild in Chemnitz gut geklappt.

Haben Sie sich mehr Nachahmungsversuche erhofft?

Auf jeden Fall.

Auch, dass das ungesteuert funktioniert?

Ja, auf jeden Fall.

Mal angenommen, das hätte funktioniert, und überall hätten wütende junge Leute so etwas gemacht, hätte das nicht ein gewisses Chaos auslösen können?

Nein. Also ich glaube vom Chaos spricht man dann, wenn eine Stadt lahm gelegt wird, oder wenn irgendwelche Grundfunktionen nicht mehr funktionieren.

Ich stelle mir da den 20-Jährigen vor, der Bücher aus Ihrem Verlag liest, die Aktion toll findet, vielleicht noch einen draufsetzen möchte. Hätten irgendwelche Nachahmer es nicht übertreiben und sich damit selbst ihren Lebensweg verbauen können?

Ja, aber das habe ich nicht in der Hand. Überhaupt ist die Theorie, die hinter diesen Aktionen steht, ja beinahe schon hemmend gewesen. Ich schrieb einmal, dass wir nur dann zur Aktion übergehen können, wenn wir im Grunde unseres Herzens Gärtner sind, wenn wir im Grunde unseres Herzens eben aufbauende, konstruktive Menschen sind und nicht die Lust an der Destruktion uns dazu bringt, eine Aktion zu machen. Die Aktion erfolgt aus der Überzeugung, dass wir nur dann unsere Aufbauarbeit sinnvoll abrunden können, wenn wir auch den Gegner markieren. Das heißt destruktiv konstruktiv sein, und so kommen wir wieder in den Bereich solcher Ausschlusskombinationen wie „Konservative Revolution“. Das passt eben doch sehr gut: Dass man konstruktiv sein will, aber dafür etwas Destruktives machen muss. Oder dass man die Ordnung betont, indem man zuerst Unordnung innerhalb des ungedeihlichen Gefüges stiftet. Oder dass man, obwohl man die Ordnung und die Institutionen und das Gewaltmonopol und all diese Dinge für unverzichtbar hält, dennoch zu illegalen Mitteln greift, um zu betonen, dass hier etwas aus den Fugen ist.

Möchten Sie das auf einen räumlich und zeitlich begrenzten Rahmen beschränken? Oder wünschen Sie sich diese Unordnung auch länger und ausgreifender?

Auf jeden Fall muss die Unordnung in einem längeren, ausgreifenden Rahmen her. Ich bin mir sicher, dass unter der Oberfläche viel rechte Energie und nationale Widerstandskraft vorhanden ist, auch in theoretischer, bekenntnishafter Form. Ich glaube auch, dass schockartig wirkende Gesten dazu beitragen können, dieses Potential zu wecken. Wir müssen diese ideologisch linksliberale Kruste aufbrechen, unter der wir alle leben. Wir müssen Tabus beseitigen.

Wie stellen Sie sich diese Unordnung vor?

Permanenter, andauernder Widerspruch gegen die vorgefundenen Formen des lahm gelegten Dialogs. Im intellektuellen Milieu: Widerspruch gegen diese einseitige Wissenschaftsauffassung, diese Forschungsunfreiheit, diese Angst, an der Universität ein falsches Thema unter falschen Vorzeichen anzugehen. Auch diese Angst, keine Karriere machen zu können, wenn man am falschen Gegenstand geforscht hat. Gegen so etwas sollten die Studenten Widerstand leisten, also letztlich gegen das System Habermas. Das ist noch nicht einmal besonders „rechts“: Das ist ganz einfach der gesunde Anspruch eines nicht okkupierten Gehirns. Die Verunsicherung der abgesicherten Eindimensionalität: Das ist eine zutiefst wünschenswerte Destabilisierung.

Also alles quasi verbal.

Also es geht jetzt nicht um echte Gewalt, falls Sie das meinen.

Ja, das meinte ich.

Ich halte es sogar für typisch, dass Sie diese Frage stellen.

Das ist halt das Erste, was man denkt. Wenn Sie sagen, „Unordnung stiften…“

Ich halte es auch für typisch, dass Sie von mir das Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit wollen.

Typisch für was?

Für diese Grundangst, missverstanden zu werden, wenn wir über politische Veränderungen nachdenken. Ich glaube nicht an die in jeder Hinsicht sanfte Reform. Ich glaube, dass politische Korrekturen, und damit meine ich natürlich immense Korrekturen, natürlich nicht nur sanft abgehen. Sonst hätte Habermas ja wirklich noch recht mit seinem Geschwätz, an das er sich übrigens selbst zuallerletzt hielt.

Sehr geehrter Herr Kubitschek, vielen Dank für das Gespräch.

Bild: B.C.Richter

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§ 7 Kommentare zu „“Ich will eine Spur ziehen. Mit aller Kraft und gegen jeden Widerstand. ““

  • Jean Calvin sagt:

    + 1 Person, die 100% einverstanden ist.

    Zitat: “Oder dass man die Ordnung betont, indem man zuerst Unordnung innerhalb des ungedeihlichen Gefüges stiftet.”

    Aus meinem Land (Frankreich) kann ich gleich zwei Beispiele aus den letzten Wochen bringen. Der eine verursachte zuerst Unordnung damit Ordnung entsteht, der nächste handelte gezwungenermaßen aber heldenhaft so, daß Unordnung entsteht.

    Der erste litt unter der Tatsache, daß Verbrecher unkontrolliert durch Europa reisen können, die Polizei und Justiz aber an den Ländergrenzen halt machen muß. Da ein Land (Deutschland) einen in Abwesenheit (in Frankreich) verurteilten Vergewaltiger und Mörder nicht ausliefern wollte und frei laufen ließ, hat er einen Verbrecher beauftragt, den Mörder seiner Tochter zu entführen und vor einem französischen Gericht “abzuladen”. Inzwischen sitzt der Mörder in einem französischen Gefängnis, der Vater des Opfers ist aber ebenfalls angeklagt. (Affäre Bamberski / Kalinka / Dieter Krombach). Ist es schwer zu verstehen, daß er selber dafür gesorgt hat, daß die Justiz ihre Arbeit tun kann?

    In dem zweiten Fall brach ein Schüler nachts in das Haus seines Lehrers ein, um sich für eine schlechte Note zu rächen. Unter der Androhung von Schußwaffengebrauch mussten sich der Lehrer, seine Frau und ihr elfjähriger Sohn auf den Boden legen. Der Schüler übergoß sie mit Benzin und drohte sie zu verbrennen. Im letzten Moment stürzte sich der Lehrer auf den Angreifer und überwandte ihn. Leider erdrosselte er seinen Schüler dabei. Als die Polizei ankam, führte sie den Lehrer in Handschellen gefesselt ab. Er ist jetzt wegen vorsätzlichen Mordes angeklagt (http://www.soseducation.com/rw_rubrique_564_solidarite-avec-le-professeur-agresse-a-juvignac-mis-en-examen-pour-s-etre-defendu-contre-un-eleve.php). Natürlich hat der Lehrer Recht gehabt, als er Unordnung stiftete.

  • Thorsten sagt:

    Auch wenn Kubitschek eine Veränderung seiner selbst verneint, ist die freiheitlicher werdende Haltung gegenüber anderen schon beobachtbar. Die klaren Worte des Meisters an die Jünger, die wohl auf eigenen Erfahrungen mit dem eigenen Klientel basieren, sind zutreffend. Wirklich Konservative, politisch als auch persönlich, sind nur schwer zu ertragen. Dort sind der Mief, die Angst, das Geschwätz, und leider oftmals auch das politisch ungenutzte Vermögen zu Hause. Gerade wer sich selbst als elitär wahrnimmt, kann doch andere leben lassen. Wer an der Spitze marschiert, muß niemand aufhalten um ihn zu überholen. Übrigens hatte auch Mohler die Konservativen nicht auf seiner Liste. “Faschismus ist für mich, wenn enttäuschte Liberale und enttäuschte Sozialisten sich zu etwas Neuem zusammenfinden. Daraus entsteht, was man konservative Revolution nennt.” – so ein Zitat Mohlers. Die Einschätzung teile ich. Konservative haben außer für sich persönlich zu keiner Zeit Änderungen bewirkt. Konservativ-Freiheitliche (konservativ mit sich selbst / liberal gegenüber anderen) hingegen schon. Ich würde allerdings statt von Faschismus von Nationalismus sprechen wollen. Auch angesichts der Probleme, die den Gegenteilen geschuldet sind – der Globalisierung und Internationalisierung.

  • S. W. sagt:

    Nach Auffassung der deutschen Justiz läßt sich der Tatbestand “Mord” Herrn Krombach nicht nachweisen. Zudem hat die französische Justiz – aus der Ferne – eine vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge ohne Tötungsabsicht gesehen. Ohne Herrn Krombachs Taten in irgendeiner Weise rechtfertigen zu wollen: Ein Mörder ist er meines Wissens nach im juristischen Sinne nicht.

    Wenn Kubitschek betont, daß er “vom Staat, von guten Institutionen, von der Ordnung, von der Hierarchie” prinzipiell überzeugt ist, dann würde ich das so verstehen, daß er Rechtsprechung und Gewaltmonopol auf deutschem Boden ungern Privatleuten oder fremden Ländern überlassen würde. Der Einzelne hat sich demnach den Regeln des Gemeinwesens zu beugen, auch wenn es im Einzelfall schmerzhaft sein kann. Das für ein Verbrechen auf deutschem Boden zuständige Gemeinwesen ist Deutschland, nicht Frankreich. Sollten wir etwa in Deutschland bei jedem Wohnhausbrand, bei dem türkische Bürger zu Schaden kommen, die türkische Justiz entscheiden lassen, ob es sich um ein rassistisches Verbrechen handelt, und ihr, sollte es ein Verbrechen sein, das Strafmaß überlassen?

    Bei allen Fehlurteilen, die es sicherlich gab und gibt, hat die deutsche Justiz in der Vergangenheit doch bewiesen, daß sie von politischer Gängelung sich weitgehend unabhängig hält. JF-Leser werden das wissen.

    Insofern ist es vielleicht anmaßend, Kubitscheks Aufruf (?) zum Stiften von Unordnung und dem Leben nach dem eigenen Gesetz so auszulegen, wie Sie, Herr Calvin, es getan haben. Es wäre natürlich interessant zu wissen, wie Herr Kubitschek selbst seine Aussagen im Zusammenhang mit diesem konkreten Fall deutet, aber es ist wohl kaum zu erwarten, daß er sich dazu äußert.

  • Torres sagt:

    Jeder kann sich in jedem System positionieren? Das konnten viele unter dem angeführten Beispiel Hitler gerade nicht mehr, weil sie nämlich positioniert WURDEN. Selbst der patriotischste Jude, der harmloseste Behinderte und der volkstreue Sozialdemokrat waren unwert. Blinder Fleck Nr. 1.

    Stimmen gewichten? Den Impuls kenne ich selbst. Aber nach Besitz? Das heißt, man kann seine Stimmen demnächst wieder erben? Blinder Fleck Nr. 2.

    “System Habermas” – ja, gibt es definitiv. Gab´s aber unter konservativer Ägide auch, nur umgekehrt. Kenne selber einen Prädikats-Juristen der in den 50ern die Grundlage der Todesurteile eines Kollegen seines Prüfers (Nazirichter) diskutieren wollte – aus war´s mit Öffentlichem Dienst, trotz hervorragender Noten. Blinder Fleck Nr. 3.

    Die eine Kruste durch die nächste zu ersetzen kann´s jedenfalls nicht sein, und ein Mehr an institutionellen Ausschlußmechanismen zu installieren ist immer ein schmaler Grat. Wer bekommt das letztlich in die Hände?

    Als Diskurs notwendig, in der Praxis: haarig. Das wird zwar auch angesprochen, aber hat nicht ganz den Stellenwert den es verdient hätte.

  • Aleman sagt:

    Blinde Flecke?
    1. Von jedem System wird man positioniert in seiner je eigenen Position, ein Grund sich zu positionieren.
    2. Mein Großvater war noch stolz darauf viel Steuern zu zahlen und dafür in der Wahlrechtsklase 2 stimmen zu dürfen, das hatte er als 11.Kind eine armen Familie keineswegs geerbt.
    3. Sinecuristen des öffentlichen Dienstes waren nur selten Leute die sich positionierten.

  • [...] Das wird im Interview mit Mathias Brodkorb (der nicht sehr konservativ ist) ebenso deutlich wie im Gespräch mit Götz Kubitschek (der schon eher konservativ ist). Böcker hat also – selbst auf eigenem, auf rechtem Terrain [...]

  • Martin Wagner sagt:

    Ein Interview welches kaum Fragen offen läßt!
    Leider habe ich dies nun erst “gefunden”! Diesem Lande sind viele Götz Kubitscheks zu wünschen!
    Und optimal wäre eine breite Plattform sprich Organisation auf welcher sich die wirklich Interessierten engagieren können. Denn noch ist die Basis für merkliche Bewegung meiner Meinung nach zu gering!

    Grüße
    Martin Wagner

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