Was ist es, dem zu dienen sich lohnt?
Ist es die große Sache, die bleibt? Oder das traute Menschenglück, daheim im Kerzenschimmer?
Im Roman “Nachtflug” von 1930 beschreibt Antoine de Saint-Exupéry eine Nacht im Leben des großen alten Rivière – und seine Ambivalenz zwischen dem Großen und dem Trauten. Der Direktor einer Fluggesellschaft widmet sein Leben nur einer Aufgabe. Mit seinen Postfliegern möchte er in den späten 20er Jahren des letzten Jahrhunderts den südamerikanischen Himmel auch nach Anbruch der Dunkelheit erobern. Weil, so sagt er, “wir den Vorsprung, den wir tagsüber vor den Eisenbahnen und Dampfern gewonnen haben, jede Nacht wieder verlieren.” Für die Piloten freilich, ist dasFliegen bei Nacht lebensgefährlich.
Das Ungewollte, Zerstörende und das Gewollte, Geschaffene
Rivière sieht seine Aufgabe aber von einem “dunklen Etwas, einer dunklen Macht” bedroht. Er nennt es auch das “Ungewollte, Zerstörende [welches] immer wieder die Oberhand gewinnt über das Gewollte, Geschaffene.” Seine Untergebenen, die Mechaniker, Schreiber, Funker und Piloten bringen dieses Unheilvolle nicht selbst. Aber es sickert durch sie ein, in seine große Sache.
Also bestraft er ihre Fehler hart, überhart vielleicht, bisweilen auch bewusst ungerecht. Damit ist er nicht nur hart gegen sie, sondern auch gegen sich selbst. Bei dem Verhängen einer unfairen Sanktion empfindet er durchaus schmerzvolles Mitleid. Denn, so denkt er sich, er hat alle diese Menschen lieb. Er bekämpft nicht sie selbst, sondern das Schädliche, “was sich durch sie einschleicht“. Mit dieser Härte widmet er sich dem Großen, dem bleibenden Werk, um etwas zu schaffen, das der Wind nicht verwehen kann. Er scheint sich der Richtigkeit seines Tuns gewiss zu sein. Doch dann ist da einer seiner Piloten: der tapfere Bursche Fabien.
Der Held gerät in ein Unwetter, verliert im Zyklon die Orientierung und letztlich findet er den Tod. Die Frau des Piloten – sie sind seit sechs Wochen verheiratet – hat ihr trautes Heim schon für ihn vorbereitet. Die Blumen stehen auf dem Tisch, der Kaffee ist aufgebrüht, doch… er kehrt nicht heim.
Die Begegnung zweier Welten
Also geht sie zum Direktor. Beide wissen nun, dass zwei unterschiedliche Welten sich begegnen. Sie merken, dass sie nichts von der jeweils anderen verstehen. Und der Direktor beginnt zu zweifeln. Schon länger merkt er sein Alter, seine Einsamkeit, den Kraftverlust. Wie ein alter Löwe ist er noch stark, doch sieht er sein Ende kommen. Sie erinnert ihn an das, was er in seinen einsamen Stunden sucht. Sie ist die Welt der Liebe, er ist die Welt der Tat.
Welchen Wert, welchen Sinn hat Fabiens Tod in der Welt der Liebe? Welchen Wert, welchen Sinn hat der Verlust seines Lebens in der Welt der Tat? “Was lebendig ist, stößt alles beiseite, um zu leben, und schafft sich, um zu leben, seine eigenen Gesetze. Unwiderstehlich“, denkt der Direktor. Er meint die Sache, die große. Noch in derselben Nacht lässt Rivière den nächsten Postflieger starten. Er nimmt das Menschenopfer in Kauf und bleibt vielleicht nicht sich selbst, aber seinem Lebenswerk treu.
Ein vielschichtiges Buch, eine vielschichtige Botschaft
Der Pilot und Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry beschreibt beide Welten, ohne die eine zu verurteilen oder die andere zu begünstigen. So scheint er auch selbst hin und her gerissen, denn er gibt keine Antwort auf die Frage, welches Leben das richtige ist. Sowohl Rivière als auch Fabiens Frau konnten ihren Sinn konstruieren. Doch sie hat ihn verloren, für Rivières Sache geht es weiter.
Das dünne Taschenbuch, es sind 127 Seiten, lässt sich an einem langen Vormittag lesen. Am Nachmittag auch das zweite Mal. Es ist vielschichtig, die Rezension kann es leider nur anreißen. Saint-Exupéry beschreibt nicht nur den Direktor, den Piloten und die Frau. Er gibt auch bewegendes Zeugnis seiner Sicht auf die mittelmäßigen Menschen, die ängstlichen, die anderen. Ein schönes Buch.

Du hast mich neugierig gemacht…
MB.
Warum die Rechte Exupery ignoriert ist und bleibt mir ein Rätsel. Sein “Flug nach Arras” (Pilote de Guerre)ist das Beste, was ich zu Glaube und Nation lesen durfte.