Philosophie und SPD

12. August 2009 § 0 - von Martin J.G. Böcker

Mathias Brodkorb im Gespräch

Der studierte Philosoph und SPD-Politiker Mathias Brodkorb ist Mitglied des Landtages Mecklenburg-Vorpommern. Sein politischer Schwerpunkt ist die Bildungspolitik. Darüber hinaus machte er mit seinem Internet-Portal “Endstation Rechts.” auf sich aufmerksam. Im Unterschied zu anderen watchblogs “gegen Rechts” differenzieren die Autoren der “Endstation” deutlich zwischen den unterschiedlichen Strömungen der deutschen Rechten.

Ist es bei der SPD in Mecklenburg-Vorpommern beschaulicher, als es beispielsweise in Berlin oder NRW wäre? Sprich: Haben Sie dort mehr Freiheiten als Sie in anderen Bundesländern hätten?

Was genau meinen Sie, die Partei oder die Parlamentsarbeit?

Vor allem die Parteiarbeit.

Da sehe ich dann eher einen Unterschied zwischen Ost und West: Im Westen sind schon sehr wenige Menschen Mitglied in einer Partei, im Osten aber noch viel weniger. Das bedeutet für junge Menschen im Osten in aller Regel die Möglichkeit, früher Verantwortung tragen zu können, als dies bspw. in NRW möglich wäre. Die klassische „Ochsentour” durch die Partei hat hier gewiss eine geringere Bedeutung – was wiederum so seine Vor- und Nachteile hat.

Hätte Ihr vergleichsweise toleranter Umgang mit „Rechts” im Westen zu einem Ende der SPD-Karriere geführt?

Zunächst: Ich bin wahrscheinlich der Letzte, von dem Sie Toleranz gegenüber Rechtsextremen erwarten dürfen. Nur halte ich mediale Hetzjagden auf alles, was rechts der CDU steht, schlicht für absurd. Und ob diese Differenzierung im Westen zu Problemen führen könnte, weiß ich ehrlich gesagt nicht, da mir die dortigen politischen Milieus zu unvertraut sind. Ich denke, dass so etwas sehr stark von persönlichen Netzwerken abhängt. Manch’ einer glaubt ja fest daran, dass der „Kampf gegen Rechts” mein politisches Lebenselexier ist. Tatsächlich spielt das Thema in meiner eigentlichen Landtagsarbeit vielleicht zu 5 % eine Rolle, mehr nicht. Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt vielmehr in der Bildungspolitik, also Kita, Schule und Hochschule. Und ich denke, dass ich mir da in den letzten Jahren schon eine gewisse Kompetenz erarbeitet habe, die von meinen Kollegen auch geschätzt wird. Was ich damit sagen will: Da meiner fachlichen Arbeit in der Regel vertraut wird, überträgt sich diese Einschätzung bei meinen Kollegen sicher auch irgendwie auf das Projekt Endstation Rechts. nach dem Motto: „Der Junge wird das schon vernünftig machen.” Und das meinte ich mit „persönlichen Netzwerken”. Ich könnte mir also durchaus vorstellen, dass unsere Herangehensweise nicht nur in Schwerin, sondern auch in Berlin oder anderswo funktionieren kann. Aber eines scheint mir ziemlich sicher: Der Osten hat mit einem funktionierenden Bündnis aus NPD, gewaltbereiten Kameradschaften sowie radikalen Neonazis zu tun. Wenn Sie das quasi täglich vor Augen geführt bekommen, fällt es sicher leichter, sich nicht am Schreibtisch einen imaginären Feind zusammen zu basteln. Das geht nur aus der gemütlichen westdeutschen Studierstube heraus. Seitdem ich JF lese, tun das ja auch einige meiner Kollegen hin und wieder. Auf die Idee, dass das eine Zeitung mit rechtsextremem Hintergrund sei, ist da noch keiner gekommen. Manchmal ist realer Kontakt zum Raumschiff Erde eben einfach hilfreich.

Außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns scheint es tatsächlich so, als ob Sie einen hohen Anteil Ihrer Arbeit „den Rechten” widmen. Ist Ihnen diese Außenwirkung recht, unrecht oder egal?

Ich sagte ja nicht, dass ich mich wenig mit der „Rechten” beschäftige, sondern dass das Thema in meiner täglichen Landtagsarbeit kaum eine Rolle spielt. Außerhalb der Arbeit gibt es ja auch noch die Freizeit. Und natürlich schreibt man, um gelesen zu werden. Allerdings tangiert mich dabei die „politische Opportunität” tatsächlich eher peripher. Es ist in der Linken sehr weit verbreitet, sich bisweilen auf die Zunge zu beißen, weil die Wahrheiten, die man sonst aussprechen müsste, angeblich dem – rechten – politischen Gegner nützen. Auf die lange Frist halte ich eine solche Sichtweise für absurd, weil sie den Gedanken der Aufklärung im Kern beschädigt. Es ist mir also egal, ob der Hohenzollerndamm bei dem einen oder anderen meiner Artikel jubelt. Ich schreibe sie eher aus Gründen der Selbstachtung.

Diese Aussage ist tatsächlich wenig opportun. Ist das Verschweigen von Wahrheiten in „der Rechten” also nicht der Fall? Fasziniert Sie das?

Quatsch, da ist das genauso. Der Wahnsinn verteilt sich, glaube ich, ziemlich gleichmäßig über das ganze Universum.

Wenn ich jetzt von „Rechten” spreche, dann beziehe ich mich auf die „Neue Rechte”. Das Verschweigen von dem, was man für Wahrheiten hält, scheint dort weniger verbreitet zu sein: Man hat kein politisches Amt zu verlieren, staatliche Fördermittel erhält man nicht. Wenn Sie auf „Endstation Rechts.” Artikel über eine Blog-Diskussion in der „Blauen Narzisse” schreiben, oder über einen unbedeutenden Autor, der für die Deutsche Stimme und die Blaue Narzisse schreibt, dann drängt sich der Gedanke auf, dass nicht nur Interesse sondern auch Faszination Ihr Antrieb ist.

Sie scheint der Gedanke, ich sei fasziniert, ganz schön zu faszinieren. Aber da muss ich Sie enttäuschen. Ob es tatsächlich stimmt, dass „die” Neue Rechte authentischer ist, kann ich nicht beurteilen. Ich verweise da noch einmal auf den intergalaktischen Ausgleich. Da aber auch die Neue Rechte weiß, was „Mimikry” ist, wird die Sache noch diffuser. Was Marco Reese angeht – auf den Sie offenbar anspielen -, so steht unsere Berichterstattung in der Tat in einem engen Zusammenhang zu der von Ihnen erwähnten Blog-Diskussion. Seinerzeit ging es ja um die Frage, was die Neue Rechte vom Nationalsozialismus und der NPD unterscheidet. Und nach all’ den Diskussionen schreibt dann plötzlich ein – zugegeben eher unbedeutender – Autor der „Blauen Narzisse” für die NPD-Parteizeitung. Und da interessiert uns dann schon: Wird das vom Milieu geduldet? Wie wird darauf reagiert? Wie ernst sind denn die Abgrenzungserklärungen am Ende gemeint? Mit Faszination hat das wenig zu tun, sondern mit dem Abprüfen der Grenzlinie zwischen „rechtskonservativ” oder „rechtsradikal” und „rechtsextrem” nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.

Und warum springen Sie dann für einen „politischen Gegner” in die Bresche, wenn er öffentlich angegriffen wird, obwohl Sie selbst ihn durchaus kritisch beobachten?

Das hat, glaube ich, mit meiner akademischen Ausbildung zu tun. Ich bin im Denken sehr stark durch Platon und Aristoteles geprägt. Platon stellt sich in seinem Hauptwerk „Politeia” die Frage, wie Gerechtigkeit in einem Gemeinwesen hergestellt werden kann. Seine Antwort ist verblüffend einfach und dennoch treffend: Die Frage, ob eine Gesellschaft gerecht sei oder nicht, entscheidet sich letztlich an der Gerechtigkeit in jedem einzelnen Menschen. Institutionen können zwar dabei behilflich sein, Gerechtigkeit herzustellen, aber sie können sie nie verbürgen. Der Glaube an die Institutionen ist daher eine der wesentlichen Grundillusionen in der Politik. Und da ich vermute, dass Sie mit Ihrer Frage auf den JF-Autor Hinrich Rohbohm anspielen, dazu nur soviel: Es widert mich einfach an, wenn sich Menschen auf billige und ganz und gar charakterlose Art und Weise profilieren wollen. Und genau das hat die parlamentarische Geschäftsführerin der CDU-Bundestagsfraktion, Frau Krogmann, seinerzeit getan. Nur mit dem feinen Unterschied, dass sie auch noch gegenüber einem politischen „Freund” so gehandelt hat, nicht einmal gegenüber einem „Feind”.

Wenn Sie also von „Freund” und „Feind” sprechen, Carl Schmitt lässt grüßen, wonach suchen Sie sich Ihre Freunde aus?

Wahrscheinlich nach denselben Kriterien wie Sie auch. Parteien und der öffentliche Raum strukturieren sich anhand von Meinungen, der private Raum jedoch eher anhand der Charaktere. Der Grund hierfür ist ganz einfach: Während sich Meinungen, wie man bei Aristoteles lesen kann, beständig ändern, repräsentiert unser Charakter so etwas wie eine inkorporierte Institution, die unserem Leben Struktur und Verlässlichkeit gibt. Und genau dies ist entscheidend für Freundschaften. Die politische Gesinnung ist da zwar nicht völlig unerheblich, aber doch eher von geringerem Belang. Insofern irrt Carl Schmitt mit seiner Freund-Feind-Unterscheidung. Schmitt geht es in Wahrheit gar nicht um Freunde, sondern um Menschen mit mehr oder weniger gleicher Meinung, was etwas völlig anderes ist. Oder um Menschen, die so tun, als seien sie derselben Meinung.

Und was hat das mit Ihrer Politik zu tun?

Wenn die Gerechtigkeit im Ganzen von jedem Einzelnen verbürgt wird, dies jedoch weniger eine Frage des Wissens als des persönlichen Charakters ist, in dessen Herausbildung natürlich auch Urteile und insofern Meinungen eingehen, hat dies zwei handfeste Konsequenzen: Erstens avanciert damit die Bildungs- und nicht die Wirtschaftspolitik zum wichtigsten Politikfeld überhaupt und zweitens kann Gerechtigkeit dann nicht ohne Überschreitung des eigenen politischen Lagers erreicht werden und in diesem Sinne nicht ohne Ausgreifen des Privaten auf das Öffentliche. Dies nicht anzuerkennen bedeutet letztlich, Gerechtigkeit mit Meinungsgleichheit zu verwechseln.

Vereinfachend könnte man also sagen: Es gibt hier wie dort Gute und Schlechte, vernünftige und unvernünftige Ideen. Das zu erkennen und danach zu handeln ist Ihre (beziehungsweise Platons) Idee von Gerechtigkeit. Aber wenn das so ist: Warum haben Sie sich dann für ein politisches Lager entschieden? Und warum für dieses?

Sie stellen Fragen… Von „Entscheidung” im eigentlichen Sinne kann man da gar nicht so richtig sprechen. Dass ich in (ganz) jungen Jahren glühender und vor allem gläubiger Anhänger des Marxismus war, kann man ja an verschiedenen Stellen nachlesen. Mich hat in der Tat die Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden, nach Auflösung aller irdischen Widersprüche angetrieben. Nur: Irgendwann hört die Pubertät im Kopf halt auf. Im Ernst: Mein Griechischlehrer, der leider vor wenigen Monaten an Krebs verstorben ist und von dem wir hoffentlich bald einen umfangreicheren Text zur „Weißen Rose” veröffentlichen können, hat mir in vielen Stunden mühsamen Argumentierens den Marxismus Stück für Stück „ausgetrieben”. Wahrscheinlich ist das eines der wertvollsten Geschenke für mein ganzes Leben und ich empfinde für diese intellektuelle Zuwendung große Dankbarkeit. Anschließend war meine weitere Mitgliedschaft in der damaligen PDS einfach eine Unmöglichkeit, weil der Glaube an durch Institutionen verbürgte Glückseligkeit einfach nicht mehr funktionierte. Im Kern treibt mich bis heute die Zielstellung an, an einer Gesellschaft mitzuwirken, in der möglichst alle Menschen die Möglichkeit haben, glücklich zu werden. Und dieses Glück wurzelt nicht in Materiellem, sondern in der geistigen Entwicklung der Menschen. Ich bin also beseelt von der demokratischen Idee möglichst umfassender Bildung für alle. Und mir scheint, dass die Sozialdemokratie dieses Ziel mit etwas mehr Beharrlichkeit und auch Nachsicht verfolgt als andere politische Gruppierungen.

Wenn Sie das so sagen, dann glaube ich Ihnen das sogar. Und wie gestalten sich die Grenzen, die einem beseelten Politiker den Weg versperren?

Ich verstehe, um ehrlich zu sein, die Frage nicht so recht.

Sie sind offensichtlich Idealist. Irgendwie… naiver als ich dachte?

Vielleicht beinhalten Ihre Fragen einfach auch mehrere Möglichkeitsräume…

Muss man als Idealist in der Realpolitik nicht irgendwann an seinen eigenen Idealen scheitern? Erleben Sie in dieser Hinsicht nicht täglich Frustrationen?

Dass ein „Idealist”, wie Sie es nennen, an der empirischen Wirklichkeit scheitert, ist ja von Anfang an eingepreist – es sei denn, man ist in der Tat ein Naivling. Die Welt des Geistes ist unendlich, aber wir leben nun einmal in einer empirischen und damit endlichen Welt. Die eine ist auf die andere schon aus logischen Gründen nicht abbildbar. Frustrierend sind daher vielmehr die Vorgänge, bei denen wir sogar unter unseren empirischen Möglichkeiten bleiben. Aber das hat mit einem Konflikt „Idealismus versus Realismus” eigentlich nichts zu tun.

Wie gehen Sie mit dieser Frustration – selbst unter den empirischen Möglichkeiten zu bleiben – um? Können Sie in dieser Hinsicht einen Ratschlag geben? Vielleicht gerade jungen und unreflektiert konsequenten Idealisten?

Mit der Anmaßung, anderen Ratschläge zu erteilen, sollte man sich aus gutem Grund zurück halten. Ich kann Ihnen aber gerne sagen, wie das bei mir ist, auch wenn es vielleicht etwas ungewöhnlich klingt. Eigentlich gibt es, obwohl wir auch in der Politik ständig nur über das Wirtschaftswachstum und die Steuersätze diskutieren, in unserem Leben nur zwei wichtige Themen: unser Glück und unseren Tod. Und Beides hängt auch noch auf tragische Weise zusammen. Um so paradoxer ist es dann allerdings, dass Beides in der Politik keinerlei Rolle spielt. Aus der jüngeren Vergangenheit fällt mir nur eine Autorin ein, die diese Fragen überhaupt diskutiert hat: Hannah Arendt. Im Grunde kommt mir unsere Arbeits- und Konsumgesellschaft, das ewige Twittern etc. daher wie ein großes Ablenkungsmanöver vor den für uns eigentlich existenziellen Fragen vor. Wir alle laufen wie die Hamster im Rad vor der Sinnfrage davon und vielleicht gibt es auch einen strukturellen Zusammenhang zwischen der Krise des Religiösen und dem Boom des Konsums als einer Form der Ablenkung. Wenn Sie sich diese Perspektive hin und wieder vor Augen führen, schnurren die alltäglichen Frustrationen zu Petitessen zusammen. Stellen Sie sich einfach vor, Sie müssten in acht Wochen sterben und sollten nun entscheiden, was Sie in dieser Zeit noch unbedingt zu tun hätten. Sie setzten dann ganz andere Prioritäten als heute und es erschienen Ihnen die Probleme des Alltags plötzlich ganz unbedeutend.

Sehr geehrter Herr Brodkorb, vielen Dank für das Gespräch.

Schlagworte: , , , , , , , , , ,

§ Eine Antwort hinterlassen

Worum geht's?

Sie lesen gerade Philosophie und SPD auf Das Gespräch.

meta: