Schwerte an der Ruhr
Neulich war ich wieder zu Hause. Mama besuchen. “Zu Hause”, das bezeichnet eine Ess-, Trink- und Schlafstadt im Ruhrgebiet, vielleicht 50.000 Einwohner, im Osten der Stadt liegt das alte Eisenbahnerviertel. Das ist schön, weil man nach einem Waldgang (im als Naherholungsgebiet deklarierten Stadtwald) fast nahtlos - vorbei an Hochleitung, Eisenbahnschienen und Brennesseln – in das Arbeiterviertel schlendern kann.
Da ging ich dann den Bürgersteig entlang, ganz dicht an den vor 30 Jahren recht ordentlich neu verputzten Fassaden. Viele Gerüche, die Kellermodrigkeit der Hauswände, gar nicht unangenehm, das Grillen aus irgendeinem der Kleingärten, die frisch gewaschene Wäsche aus den Souterrain-Kellerfenstern. Die Mischung aus Davidoff Cool Water und Tabak, die ich der 14-Jährigen andichte, die gerade rauchend mit ihrem Freund vor seinem Roller Händchen hält. Der martialische Schnitt von Cordon Street Wear macht sich ganz gut zu der Kippe, die er auf Wange pafft.
Vor dem Supermarkt stehen immer noch die gleiche Art von Jugendlichen, mit denen ich vor 13 Jahren dort gestanden hatte – wenn Spielplatz oder Jugendzentrum langweilig wurden und keiner von den Älteren seine Wohnung zur Verfügung stellte. Kannte ich den einen noch? Ich glaube, der spielte in der D-Jugend, als ich dort noch Co-Trainer war. Jetzt schaut er finster drein.
In der nächsten Straße vernahm ich diesen herrlichen Dialog: Die Mutter, unter 30, hübsch aber feist geworden schaute aus dem Fenster des ersten Stocks und rief in die Straße: “Lukas!” Keine Antwort. “Luuuukas!” Es wuselten zwar Kinder herum, aber Lukas war wohl nicht dabei. Die Mutter in Richtung Wohnungsinneres: “Ker…. Der is’ wieda umme Ecke.” Nochmal in Richtung Straße: “Luuuukas! Komm’ gezz här!” Lukas, vielleicht 12, kam. Die Mutter: “Du muss inna halben Stunde driin sein.” Lukas: “Inna halben Stunde?” – “Die Laternen geh’n glaich an.” – “Ja Mama. Ich komm gleich.”
Trigger-Gerüche, Trigger-Geräusche. An was erinnert mich das? Verkrustete Knie vom Fußball, Klingelmännchen, die ersten Vollräusche und Mädchen, die mich doof fanden. Eine Mischung zwischen “29 verweht” und Heile-Welt-Gefühl. Man gehört so sehr dahin, kennt aber keinen mehr.
Bis ich wieder in meiner jetzigen Wohnung bin, werde ich rund sieben Stunden Auto fahren. Selig die Daheimgebliebenen. Auch wenn sie’s nicht wissen.